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Die Freitagspost: Wie man den 1. Mai im zweiten Pandemiejahr erlebt

Veröffentlicht am 30.04.2021 in Woche für Woche

In der heutigen Freitagspost schreibt Daniel über den 1. Mai, dass er dieses Jahr wieder so ganz anders ist als gewohnt, dass die Werte des 1. Mai aber nach wie vor Gültigkeit haben.

„Wenn es rauszus geht.“ Ich erinnere mich an diesen Satz so gut. Meine Oma hat jedes Jahr ab Weihnachten alles Sorgenvolle und Dunkle damit kommentiert, dass „wenn es rauszus“ geht, das schon wieder besser wird. Genau definiert hat sie „rauszus“ wohl nie. Es war etwa die Zeit, wenn der Spargel kommt, die Nächte wieder kürzer werden und sie die Winterjacke verstaut hat, um die „Jacke für den Übergang“ rauszuholen. Als mein Vater seinen Kampf gegen den Krebs verloren hatte und wir die letzten Wochen zusammen verbrachten, sagte meine Oma auch oft, dass es wieder gut werde, „wenn es rauszus geht“. Ich hatte mich damals darüber geärgert – heute denke ich: wie soll man reagieren, wenn das eigene Kind stirbt?

Ich habe den Eindruck, momentan könnten wir alle ein „Rauszus“ brauchen. Wir sind müde und erschöpft. Wir vermissen uns. Wir haben alle genug Schubladen aufgeräumt, Videokonferenzhintergründe ausprobiert, Netflix geschaut und Pizza bestellt. Die Pandemie hinterlässt schon jetzt einen großen Schaden: Bildungsrückstand, Geschäftsaufgaben, ein Rückschlag in der Inklusion, Einsamkeit. Aber so sehr wie wir all das satthaben, hat uns leider das Coronavirus noch nicht satt. Jeden Tag sterben Menschen in unserem Land und viele erkranken dauerhaft schwer. Und wir sehen in Indien welche Katastrophen Corona auslösen kann.

Die Schwetzinger Zeitung hat mich zum 1. Mai interviewt. Und hat dazu ein Bild von 2015 genommen. Beim Maifest der SPD Schwetzingen sind Neza, Rosa, Simon, Hannes und ich Schulter an Schulter ohne Masken im direkten Gespräch. Und diesen 1. Mai? Heute um 17 Uhr ein „Talk zur Arbeit“ mit der stellvertretenden ver.di-Landesleiterin Hanna Binder und morgen einen Internet-Stream des DGB. Keine Feste, keine Demo und auch kein Gottesdienst, der für mich ebenfalls zum festen 1.-Mai-Programm gehört.

Aber die Werte des 1. Mai bleiben ja trotzdem. Vielleicht sind sie in so einer Krise sogar noch wichtiger.

Auf die Frage an mich, warum es den „Tag der Arbeit“ braucht, habe ich geantwortet: „Eine solidarische und inklusive Gesellschaft wird die Zukunft gewinnen. Und den Kitt, den es hierfür braucht – Zusammenstehen statt Ausgrenzen, Miteinander statt Gegeneinander, Wertschätzung für menschliche Arbeit und Mitmenschlichkeit – rufen wir uns am 1. Mai ins Gedächtnis. Gerade in dieser schweren Zeit der Pandemie, die von Einsamkeit, Unsicherheit und Angst geprägt ist, sollten wir nicht vergessen, dass es immer die Arbeit war, die uns aus Krisen hat herauswachsen lassen.“

Das gilt doch auch, wenn es zum 1. Mai nicht „raus“ geht. Vielleicht ist auch das „wenn es rauszus geht“ meiner Oma gar nicht so jahreszeitlich gedacht, wie ich es in Erinnerung habe. Vielleicht ist es gar nicht Spargel, kürzere Nächte und Übergangsjacke. Vielleicht ist es einfach die Zuversicht, dass schwere und harte Zeiten nicht das letzte Wort haben. Dass es Grund zur Hoffnung gibt. Also: halten wir durch und Abstand, nutzen wir Impfmöglichkeiten, wo es geht, sorgen wir uns umeinander auch in räumlicher Distanz und freuen wir uns auf die Zeit „wenn es rauszus geht“.

Foto der Woche: Mit den Kolleg*innen aus Bund und Land bei der Konferenz der wohnungspolitischen Sprecher*innen.

Homepage Daniel Born

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