Zufallsfoto

Literaturpreisträger 2022 Platz 1.

Eingereicht von Natali Bergen, Offenburg. Alle Rechte am Text liegen bei Natali Bergen. Nutzung und Veröffentlichung nur mit ausdrücklicher Genehmigung durch Natali Bergen.

Im Stillen. Powerfrau

Das iPhone ist immer auf lautlos gestellt, denn die wilden Flötentöne, die es nach dem Zug des Gegners ausstoßen würde, kann Christel Moser nicht hören. Doch sie spürt, wie das Handy vibriert und sie sieht, wie glänzende Edelsteine über das Display wirbeln. Der Gegner hat sie übertrumpft.  Wenn sie beim nächsten Zug keinen hohen Punktwert landet, hat sie die Partie verloren. Der Kampfgeist erwacht in ihr, sie dreht und wendet ihre Buchstaben, probiert ein Wort, dann das nächste.

Keines der Wörter bringt genügend Punkte, sie grübelt weiter, da ploppt eine WhatsApp-Nachricht auf. Eine Anfrage wegen Trainingslager. Christel wischt über das iPhone, das Scrabble-Spiel tritt in den Hintergrund. Als Mit-Organisatorin ist sie immer im Verteiler und hat ein Mitspracherecht bei Entscheidungen. Da will eine Familie ihren gehörlosen Sohn anmelden und hat ein paar Fragen. Christel ist begeistert und schreibt gleich zurück. „Herzlich Willkommen“. Kurze Zeit später chattet sie bereits mit der Familie per Videocall. Das iPhone steht im Ständer, Christel gebärdet mit dem Jungen.

Im Hintergrund seine Eltern, sie sind nicht gehörlos, aber sie scheinen die Gebärdensprache ziemlich gut zu beherrschen. „Du bist doch Vize-Weltmeisterin geworden, damals, nicht wahr?“ Der Junge strahlt sie an. „Hey, du bist sogar auf YouTube. Die WM ist auch mein Ziel, aber ich will gewinnen, ich will Erster werden im Riesenslalom. Seine Arme beschreiben große Kreise. Christel lächelt, berichtet von ihrem Engagement als Trainerin für gehörlose Skisportler, nachdem sie ihre aktive Karriere nach einem Unfall beenden musste. Noch immer fährt sie leidenschaftlich gerne Ski, aber nur noch in der Freizeit.  „Außerdem“ grinst Christel, „bin ich einfach nicht mehr wendig genug. Aber du, du kannst es schaffen.“ Der Junge freut sich und hüpft auf und ab. Mit den Eltern vereinbart Christel die Zusendung der Bewerbungsunterlagen per E-Mail, bevor sie das Gespräch beendet.

Zufrieden legt sie das iPhone beiseite, und holt sich einen Kaffee aus der Küche. Den nimmt sie auf ihrem Fußbacher Balkon mit dem zauberhaften Ausblick ein, auf der Bank, die ihr so viel bedeutet. Ganz Powerfrau hat sie sie selbst zusammengeschraubt nach ihrem Karriereende, aus den Skiern, mit denen sie ihre vielen Erfolge feierte.  Täglich sitzt sie darauf und schwelgt in ihren Erinnerungen. Zahlreiche Wettkämpfe hat sie damit bestritten und gewonnen, als Karriere-Höhepunkt den Vize-Weltmeistertitel gefeiert und mehrere Male wurde sie als Deutschlands Gehörlosen-Sportlerin des Jahres ausgezeichnet.  

Sie, die lange nicht richtig sprechen konnte, die oft wegen ihrer Taubheit in Schule und Beruf diskriminiert und verulkt wurde, konnte mit dem Sport so viel kompensieren. Jedes Mal, wenn sie der Ziellinie entgegen den Hang hinunterschoss, hörte sie den Jubel der anfeuernden Leute nicht, doch das hielt sie nicht auf. Sie spürte ihn von den Haarspitzen bis zu den Haarwurzeln, die ganze Vibration ging durch den Bauch, durch wattierte Skiklamotten, den Helm und die Protektoren, durch Mark und Bein, und es war das beste Gefühl überhaupt.

Nachdem der Skihelm dann am Nagel hing, entschied sie sich, dieses Gefühl weiterzugeben und wurde Trainerin, motivierte andere gehörlose Skisportler und feierte deren Erfolge wie ihre eigenen. Das Internet war für sie dabei der allergrößte Segen. Messenger-Dienste, Foren und Emails kann sie auch als Nicht-Hörende schnell bearbeiten und ist nicht mehr aufs Telefax oder die Post angewiesen. Eine ganze Internetcommunity steht hinter ihr und hat sie auch durch die schwere Zeit durchgetragen, als aus heiterem Himmel ein bösartiger Tumor in ihrem Darm seine Fänge nach ihr ausstreckte. Doch auch OP und Chemo konnten die zierliche Frau nicht in die Knie zwingen, heute ist sie krebs- und beschwerdefrei. „Das war eigentlich ein geringerer Kampf als der gegen die anhaltende Diskriminierung in der Welt der Hörenden“, so Christel. Ihre Katze genießt die Streicheleinheiten und räkelt sich in der Sonne.   

Da fällt Christels Blick wieder aufs Handy. Buffalo Bill, ihr Scrabble-Partner, hat sie angestupst und wartet auf ihren Zug. Er lauert förmlich, denn wenn sie jetzt nicht wirklich mindestens 20 Punkte macht, ist die Partie für sie beendet. Da fällt es ihr wie Schuppen von den Augen und grinsend legt sie AUDISMUS. Das wären 32 Punkte für sie, doch halt, das Programm erkennt das Wort nicht an. „Audismus ist nicht gelistet im Wörterbuch, meinst du vielleicht „Autismus?“ Die Frage springt sie an, macht sie wütend. „Das ist wieder typisch“, sagt sie zu ihrer Katze, während sie den Begriff in die Suchmaschine eingibt.  Die Wikipedia-App weiß es besser: „Als Audismus (…) bezeichnet man eine Geisteshaltung, die gegen taube und schwerhörige Personen gerichtet ist.“ „Da haben wir es ja“, sagt Christel zu ihrer Katze.

Audisten haben Christels Weg gesäumt, denn für gehörlose Menschen gibt es vor allem in Deutschland bisher zu wenig Unterstützung und Verständnis von Seiten der Hörenden. Gebärdendolmetscher und unterstützende Videos in sämtlichen Bereichen sind noch lange kein Alltag in Deutschland. Und das Wort „Audist“ hat noch nicht einmal seinen Einzug in den Duden gehalten.

Christel schüttelt den Kopf, doch dann legt sie einfach nur „Aus“ und lässt Buffalo Bill gewinnen. „Der Klügere gibt nach und die anderen müssen doch auch eine Chance bekommen.“ Christel weiß, wovon sie spricht, denn nicht immer hat das Leben ihr gute Chancen eingeräumt. Doch sie hat alles genommen, wie es kam und dabei sogar die große Liebe in Rom getroffen. Ihre Kämpfe als gehörlose Frau, Sportlerin, Partnerin und Trainerin haben sie stark gemacht. Sie will weiterkämpfen für die Integration von Gehörlosen in allen Lebensbereichen. Und dabei nicht vergessen, selbstständig zu leben.

Natali Bergen

Wilhelm-Hamm-Straße 16

77654 Offenburg

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