Eingereicht von Willi Keller. Alle Rechte am Text liegen bei Willi Keller. Nutzung und Veröffentlichung nur mit ausdrücklicher Genehmigung durch Willi Keller.
Eine kleine Geschichte vom Widerspruch
Er klopfte an die Tür des kleinen Zimmers im Obergeschoss. „Hallo, Sebastian, willst du einen Kaffee? Mama hat noch einen Käsekuchen gebacken, bevor sie in die Musikschule gegangen ist. Du brauchst sicher mal eine Denkpause.“
„Eine Denkpause nicht, aber eine kleine Erholung. Geh schon mal runter, Papa, ich komme gleich.“
„An was arbeitest du denn?“
„An einer Seminararbeit über Widerstand.“
„Widerstand im Dritten Reich?“
„Auch. Es geht um die Definition von Widerstand. Und um Beispiele, vor allem historische. Sag mal, Mama hat neulich angedeutet, dass der Uropa im Widerstand gewesen sei.“
„Welcher Uropa?“
„Von deiner Mutterlinie.“
„Da hat sie etwas nicht verstanden. Der Uropa ist im Widerspruch gewesen, im Widerspruch zum System. Im Sinne von widersprechen.“
„Das heißt, der hat sich keiner Gruppe oder Bewegung angeschlossen? Ist auch kein Einzelkämpfer gewesen?“
„Weder noch. Der Uropa hat aber sehr großen Wert auf das freie Wort gelegt. Das hat deiner Urgroßmutter oft Angst gemacht. Sie hat ihn immer gewarnt, wenn er sich weiter offen gegen die Nazidiktatur ausspreche, werde er eines Tages von der Gestapo geholt. Er müsse doch auch Rücksicht auf die Familie nehmen.“
„Es ist für mich gar nicht so einfach, mir bei der Seminararbeit vorzustellen, was Widerstand in der Wirklichkeit bedeutet.“
„Wir beide kennen das Geschehen nur aus Erzählungen und schriftlichen Quellen. Das ist auf der einen Seite ein Glück. Auf der anderen Seite vergessen wir zu schnell, was die älteren Generationen haben aushalten müssen. Und was sie leider geduldet haben.“
„Was ist eigentlich das Besondere am Urgroßvater, an seinem Widerspruch?“
„Dein Urgroßvater ist ein freier Geist gewesen, ganz in der Tradition seiner Vorfahren, die zum Beispiel in der Zeit um 1848 für Meinungsfreiheit, Redefreiheit und andere demokratische Rechte gekämpft haben. Er hat immer selbstbewusst gesagt, er sei ein freier Mensch und lasse sich von niemandem das Recht nehmen, seine Meinung zu äußern. Man müsse widersprechen beziehungsweise widerreden, wenn einem etwas nicht gefalle oder jemand Unwahres behaupte. Als Mühlenbesitzer hatte er viele Kontakte und verwickelte seine Kundschaft oft in Gespräche und Diskussionen. Darunter waren auch viele glühende Nazis. Und genau das bereitete deiner Urgroßmutter ziemlich große Sorgen. Sie betonte immer, man wisse ja nie, ob einer von denen nicht zur Gestapo renne.
Deine Urgroßeltern waren sehr gastfreundlich, ihre Mühlenstube war traditionell ein Ort, an dem sich Kunden und Leute aus der Nachbarschaft trafen. Einer der Nachbarn kam regelmäßig nachmittags in die Stube und sprach oft bewusst, fast schon provozierend, aktuelle politische Themen an. Deine Urgroßmutter hielt ihn für hinterhältig und gefährlich. Sie sagte immer: ‚Da kommt wieder der Horchposten.‘ Er war ein überzeugter Nazi und schwärmte vom Großdeutschen Reich, selbst dann noch, als klar wurde, dass der Krieg mit einer Niederlage enden würde. An so einem Nachmittag redete der Nachbar mal wieder über einen Sieg der deutschen Armee. Dein Urgroßvater hatte genug von diesem Gerede, stand auf und holte einen Globus vom kleinen Bücherschrank in der Stube und stellte ihn vor den Nachbarn. Man müsse nur auf den Globus schauen, sagte er ziemlich erregt, um zu wissen, dass der Krieg zu einer Katastrophe für Deutschland werde. Er hat ihm vor den anderen in der Stube deutlich gemacht, warum Hitler und die Nazis falsch lagen.“
„Und was hat der Nachbar gesagt?“
„Der ist wütend aufgestanden und nach Hause gegangen. Deine Urgroßmutter hat angefangen zu zittern und mit dem Schlimmsten gerechnet.“
„Und?“
„Zum Glück ist nichts passiert.“
„Und der Nachbar?“
„Der ist einige Zeit weggeblieben. Später hat er in der Mühlenstube nie mehr vom Großdeutschen Reich gesprochen.“
„Ist der Urgroßvater immer so offen und mutig aufgetreten? Wenn ich deine Schilderung höre, wundert es mich, dass ihn niemand angeschwärzt hat. Das muss doch einen Grund gehabt haben.“
„Ja, vielleicht. Er hat wohl eine große Ausstrahlung gehabt und überzeugend argumentieren können, wie deine Großmutter erzählt hat. Als Kaufmann und als Mensch ist er sehr sozial eingestellt gewesen. Ich vermute mal, dass ihn das vor dem KZ bewahrt hat. Er hat sich übrigens nie als mutig bezeichnet. Dein Urgroßvater erinnert mich an Bertolt Brechts Stück ‚Das Leben des Galilei‘. Kennst du das Stück?“
„Nein. Hast du das in deiner Bibliothek?“
„Ja. In dem Schober mit den gesammelten Werken Brechts. In dem Stück lässt Brecht einen Begleiter Galileis sagen: ‘Unglücklich das Land, das keine Helden hat.‘ Galileo Galilei widerspricht: ‚Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.‘“
„Das sind gute Zitate, die setze ich an den Anfang meiner Seminararbeit. Mit den Zitaten willst du mir bestimmt etwas sagen.“
„Ja. Ich will auf das Widersprechen hinweisen. Das wir oft nicht wagen, selbst in der Familie. Das Ungesagte, das Unwidersprochene sind eine große Gefahr für die Demokratie und für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Wenn man nicht widerspricht, ergibt man sich. Aber ich will nicht anfangen, über Demokratie zu dozieren. Darf ich dir noch ein Stück Kuchen geben?“
„Ein drittes Stück schaffe ich nicht mehr. Aber erzähl mir noch, wie es mit dem Urgroßvater weitergegangen ist. Ich weiß so wenig von ihm.“
„Sein Leben hat tragisch geendet. Wenige Wochen vor Kriegsende ist er bei einem der letzten Luftangriffe in unserer Gegend getötet worden. Eine Fliegerbombe schlug in die Mühlenstube ein, in der sich dein Urgroßvater noch aufhielt, um die Fenster zu öffnen. Alle anderen waren schon draußen. Ausgerechnet die Mühlenstube traf es, in der dein Urgroßvater immer die Meinungsfreiheit verteidigt hat.“
„Papa, ich danke dir für die nachdenkliche Kaffeepause. Ich glaube, ich werde mein Thema ändern in ‚Vom Widersprechen und Widerstehen im Kleinen‘.“
Willi Keller
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(Zeitung des SPD-Kreisverbands Ortenau)
Rotes aus der Ortenau
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