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Literaturpreisträger 2020 Platz 3.

Dieter Baumann - Ich mochte ihn-

Der 3. Preis des Marta Schanzenbach Literaturpreis 2020  - Thema Ehrenamt -

Eingereicht von Dieter Baumann, Karlsruhe. Alle Rechte am Text liegen bei Dieter Baumann. Nutzung und Veröffentlichung nur mit ausdrücklicher Genehmigung durch Dieter Baumann.

„Ich mochte ihn“

Als wir uns kennenlernten, ich hatte der Nachbarschaftshilfe meine Dienste angeboten, traf ich auf einen gar nicht so alten, schweren Mann, den Ärzte in ihrem nüchternen Duktus als multimorbid bezeichnen würden; er war fast blind, schwerhörig, hatte Diabetes und saß mit Ausnahme kleiner Wege von Zimmer zu Zimmer zuhause im Rollstuhl.
Ich wurde „engagiert“, weil seine polnische Pflegerin sich außerstande sah, den schweren Alten im Rollstuhl durch die Straßen der Umgebung zu schieben und sich nicht traute ihn aus der Wohnung vier Treppenstufen hinunter in den Eingangsbereich zu bringen, von wo aus der Ausflug mit dem Rollstuhl zu starten pflegte. Das sollte also meine Aufgabe sein; eine recht anspruchsvolle, wie sich noch herausstellen sollte.
Klaus war gut umsorgt; die Pflegerin war rund um die Uhr da, freilich im dreimonatigen Wechsel mit einer Folgekraft. Nicht alle kamen ihrem „Job“ mit der nötigen Empathie nach, was ich verstehen konnte. In der Zeit mit Klaus lernte ich eine Vielzahl polnischer Frauenvornamen kennen, auch Lebensgeschichten dieser Frauen, die meisten hatten Familie in Polen oder das, was von der Familie übrig geblieben war: meistens waren sie geschieden, hatten mehr oder weniger große Kinder , die zu versorgen waren und keinen Mann, da dieser bereits gestorben oder das Zusammenleben durch den Alkoholkonsum des Gatten unerträglich geworden war …
So kam ich also in ein Konstrukt von Lebenssphären, die mir ziemlich unbekannt waren, mit einem Wissen um die Sachverhalte, das sich bisher im Theoretischen erschöpfte; ich wusste um die Menschen, die Zuwendung und Pflege brauchten, um die Angehörigen, die das zu organisieren hatten und um die Pflegerinnen, die der materiellen Not in ihrem Heimatland durch Arbeitsperioden im Deutschland zu entkommen versuchten, das durchaus mit einem gewissen Erfolg.
Ich war einfach nur neugierig. Ich hatte altersbedingt mit meinem Arbeitsleben abgeschlossen, war Rentner oder sogar Pensionär und plötzlich mit einem Maß an freier Zeit ausgestattet, so dass sich für mich die Frage stellte, was Sinnvolles anzustellen sei, neben der Ausübung alter oder neuer Hobbys.
Als Klaus mir vorgestellt wurde, war mir klar, dass wir miteinander auskommen würden, er mit seinen diversen Behinderungen, ich mit Lebensfreude, Empathie und natürlich einem Schuss Naivität.
Das Pflegen anderer Menschen ist mir fremd, es sollte aber auch nicht meine Aufgabe sein. Klaus wollte raus, raus in die Sonne, er wollte um den Block geschoben werden, durch die Straßen, die er seit jeher kannte, vorbei an Gaststätten, die er kannte und an Lokalen, die er nicht kennen konnte, weil sie erst nach seiner Erblindung aufgemacht hatten, an neuen Bürogebäuden, die gebaut wurden als Ausdruck eines sich ständig im Wandel begriffenen urbanen Lebens.
Wir gingen auf Tour. Zunächst musste er aber erst aus der Wohnung gebracht werden, ein schwieriges Unterfangen für einen gehbehinderten Blinden. Zusammen mit der Pflegerin schafften wir es, der Rollstuhl stand bereit, die Decke zum Warmhalten auch und los ging es.
Kaum waren wir auf der Straße, fing er an ein Lied zu summen, Ausdruck seiner sich bessernden Laune. Ich mochte ihn.
Ich erklärte. „Jetzt sind wir da, jetzt kommen wir zum…“ usw., und Klaus summte. Manchmal erkannte ich die Melodie, und wir sprachen darüber.
Die Minuten des Frohsinns wurden unterbrochen, wenn zum Beispiel eine Straße überquert werden musste und der Bordstein nicht richtig abgesenkt war; da der Rollstuhl nicht gefedert war, versetzte dies ihm jedes Mal einen Stoß, den er wohl als schmerzhaft empfand – für mich eine Lektion, eine Sensibilisierung für die Nöte und Empfindlichkeiten eines Menschen, bei dem die Dinge nicht so einfach funktionierten. Und natürlich kam ich ins Schwitzen; ihn im Rollstuhl zu schieben, war schwere körperliche Arbeit.
Wir erkundeten die weitere Umgebung. Natürlich fuhren wir mit der Straßenbahn – er kannte das Liniennetz besser als ich, was ich auch nicht kannte, waren die Haltestellen, die behindertengerecht ausgebaut waren, so dass man mit dem Rollstuhl relativ leicht in die Straßenbahn kam. In der Straßenbahn musste der Rollstuhl arretiert werden; beim Aussteigen war mir Angst und Bang rechtzeitig aus der Bahn zu kommen.
Klaus wollte zum Hauptfriedhof. Dort war seine Frau begraben, wenn er von ihr sprach, kamen ihm meist die Tränen. Und es kam der Satz “Ich bin ihr heute noch dankbar, dass sie mich damals genommen hat“. Was sich dahinter verbarg, konnte ich bestenfalls erahnen, es schien mir auf jeden Fall mehr als ein leicht daher gesagter Satz. Da war etwas in seinem Leben, wie wohl im Leben eines jeden Menschen, das im Verborgenen blieb, das an einem Punkt der Vergangenheit vielleicht über Wohl und Wehe der Zukunft entschieden hat.
Natürlich erwischten wir die falsche Haltestelle und ich bat zwei junge, kräftige Männer, mir den Rollstuhl mitsamt seinem Besitzer aus der Bahn zu tragen.
Kieswege mit dem Rollstuhl sind natürlich auch so eine Sache.
Vor Ort führte der Blinde den Sehenden; Klaus kannte sich trotz seiner Blindheit bestens aus und verwies auf die Reihen der Gräber der gefallenen Soldaten und kommentierte dies auf seine eigene persönliche Weise, verbunden mit Geschichten aus seinem Verwandtenkreis. Auch seine Familie hatte einen Blutzoll leisten müssen.
Wir kamen ans Grab seiner Frau, an die Gräber weiterer Familienmitglieder, begegneten im Leben dem Tod und es war gut so.
Klaus liebte es ins Cafe zu gehen. Straßencafés gibt es viele, der Rollstuhl passte mehr oder weniger an den Bistrotisch und dann gab es einen Cappuccino, für ihn eine Herausforderung, konnte er doch nicht sehen, wo die Tasse stand, wo der Kaffeelöffel lag. Zucker gab’s für ihn
ohnehin keinen. Und natürlich musste er auch aufs Klo, für mich, der ich in pflegerischen Dingen völlig unerfahren bin, eine nur durch große Improvisationsfähigkeit zu lösende Aufgabe. Klaus hatte nämlich ein Katheder und fürchtete stets, dass der Urinbeutel zu voll werden könnte. Ein befreundeter Arzt beruhigte mich zwar und meinte, das würde so schnell nicht passieren, ich musste mir dennoch des Öfteren nicht anders zu helfen, als den Beutel in der nächsten Grünanlage zu leeren, was zur allgemeinen Erleichterung beitrug und den Geist wieder frei machte. Und ich war stolz auf meine Flexibilität in Sachen Notdurft.
Es gibt viele Dinge, die man als Nicht-Behinderter lernen muss. Wo ist die Behinderten-Toilette? Wieso ist sie abgeschlossen? Wo ist der Fahrstuhl im Kaufhaus?
Ich mochte Klaus und es viel mir dadurch leichter, diese Dinge zu lernen – und andere mit. Wie schwierig es manchmal war, wenn Klaus schlecht drauf war und schimpfte und ungeduldig wurde. Wenn er es leid war, ständig und bei Allem auf Hilfe angewiesen zu sein, wenn er in einer gewissen Vorahnung die Unumkehrbarkeit seines Zustandes erfasste, wenn er wieder mal ins Krankenhaus musste, weil er neu eingestellt werden sollte und dann wieder nach Hause kam und manchmal nicht mehr wusste, wo er war.
Er verlor sich in der Welt, wurde zunehmends verwirrt. Und traurig, wütend gar. An ein Aufstehen war nicht mehr zu denken, er hatte nicht mehr die Kraft. „Ich werde Ihnen die Stange halten, solange Sie es wünschen“, sagte ich einmal zu ihm und ich weiß, dass er dann gelächelt hat. Wir waren uns nahe gekommen und hatten Vertrauen zueinander gefasst. Ich mochte ihn.
Während ich in unserer Anfangsphase schon auch mal für ihn gekocht hatte (er liebte Kürbissuppe), auch gelegentlich abends ein Glas Wein mit ihm getrunken habe, gab es jetzt nur noch die Möglichkeit an seinem Bett zu verweilen, vielleicht mal auch die Hand zu halten. Sein früheres „Wer ist da?“ kam nicht mehr, und war er vorher ein eifriger Radiohörer gewesen, der über die Geschehnisse der Welt gut informiert war und es schätzte, mit mir über Politik oder Geschichte zu reden, so fand ich ihn oft schlafend oder dösend vor und ich weiß nicht, ob er mich wahr genommen hat. Ich war bei ihm und wollte es auch sein.
So hat sein Leben irgendwann sein Ende gefunden, die Corona-Beschränkungen machten es mir unmöglich, ihn weiterhin zu besuchen. Und an seiner Beerdigung konnte ich auch nicht teilnehmen. Es gab kein richtiges Ende in unserer Beziehung und wir waren nicht fertig miteinander. Vielleicht werde ich mal sein Grab aufsuchen und mir werden die vielen Dinge einfallen, die wir gemeinsam gemacht haben, Dinge, die hier nicht erwähnt sind, Dinge, die ich mit ihm gelernt habe. Und so fahre ich ab und zu an seiner Wohnung vorbei und schaue, ob das Leben dort schon weiter gegangen ist und das große Aus- und Umräumen begonnen hat.
Ich mochte ihn.

 

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Der Rote Ortenauer

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