Eingereicht von Tronja Kiefer. Alle Rechte am Text liegen bei Tronja Kiefer. Nutzung und Veröffentlichung nur mit ausdrücklicher Genehmigung durch Tronja Kiefer.
Manipuliert
„Jede Wahrheit beinhaltet einen Funken Lüge und jede Lüge einen Funken Wahrheit. Genauso versteckt jede Demokratie einen Hauch Diktatur und jede Diktatur einen Hauch Demokratie.“ – Ich erinnerte mich noch genau, wie unser Projektleiter, ein hochgewachsener Mann mit Nickelbrille und Geheimratsecken, sich bei diesen Worten zufrieden die Hände rieb, ein breites Lächeln auf den Lippen. Sie waren seine Rechtfertigung; eine Rechtfertigung, so effektiv, dass sie jeden Zweifel ausmerzte, sein Gewissen bis aufs letzte Staubkorn reinigte.
Meines nicht. Ich hatte Zweifel, große Zweifel, und Angst. Angst davor, dass das großteils von mir entwickelte Programm, die mir bekannte Welt, meine Welt, bis zur Unkenntlichkeit verzerren, endgültig vernichten würde. Stumm starrte ich auf die Tastatur unter meinen Fingern: schwarze Schalter, kleine weiße Buchstaben. Buchstaben, die begannen, ihre angestammten Plätze zu verlassen und umeinander zu tanzen, je länger ich sie anstarrte. Ich kniff die Augen zusammen.
Die Abteilung, in der ich arbeitete, war mit einem geheimen Projekt der Regierung beauftragt worden. Die letzten Monate hatten wir unermüdlich gearbeitet, viele Überstunden, wenig Schlaf, jeden Tag wieder waren wir in aller Frühe aufgestanden, mit dem hehren Ziel, etwas zu schaffen, dass das Fortbestehen der Demokratie sichern sollte. Ein Programm, durch das bei dem User mittels verschiedener Frequenzen verschiedene neuronale Reaktionen hervorgerufen werden. Sobald der User in den Weiten der sozialen Medien über Fake News stolperte, würde die Strahlung in ihm negative Gefühle wecken, so unauffällig und leise, dass er sich dieser nicht einmal bewusst wird. Dadurch wird derjenige den erhaltenen unwahren Informationen sehr misstrauisch gegenüber stehen – was er wohl instinktiv auf ein vages Bauchgefühl zurückführen wird. Im Gegensatz dazu wird der User bei Nachrichten, die der Wahrheit entsprechen, mit positiven Emotionen traktiert, wodurch er eher geneigt ist, diesen Glauben zu schenken.
Es war schwer gewesen, dieses Programm zu entwickeln, beinahe unmöglich - vielleicht nicht ohne Grund. Ich wurde den Gedanken nicht los, dass dieser Auftrag niemals hätte verwirklicht werden dürfen. Aber was gab es für eine Alternative? Gab es eine andere Maßnahme, die die gestörte Wahrnehmung der Menschen berichtigte?
Eine Ausnahme: Wie immer gibt es eine Ausnahme von der Regel. Bei uns die Verschwörungstheorie, die besagt, die Regierung würde den Einzelnen durch dessen digitale Endgeräte manipulieren. Unser Algorithmus würde die Leute dahingehend negativ stimulieren. Obwohl das mit Inkrafttreten des Programms keine Lüge mehr wäre.
Das war nicht richtig. Es war nicht richtig, die Menschen zu manipulieren, alle Menschen, jeden einzelnen. Das war ein Vergehen gegen die Meinungsfreiheit, einen der grundlegendsten demokratischen Werte. Digitale Seuche – keiner würde sich uns entziehen können.
Aber war die Wahrheit nicht auch ein wichtiger Wert? Der wichtigste, auch außerhalb jedes politischen Systems? War man als klar Sehender nicht dazu verpflichtet, die Wahrheit für jeden zugänglich zu machen? Vor allem, wenn die Masse an Falschinformationen den Rechtsruck weiter befeuerte, der die Demokratie und damit auch die Sicherheit aller gefährdete.
Noch könnte ich das Projekt sabotieren, einen Teil löschen oder ersetzen, um die Veröffentlichung hinauszuzögern, oder einen kleinen Fehler einbauen. Alle Kontrollen waren durch, warum sollte man erneut nachprüfen, ob das Programm auch wirklich funktionierte? So könnte ich möglicherweise ein, zwei, vielleicht sogar drei manipulationsfreie Jahre herausschlagen.
Gedankenverloren spielte ich mit den Haargummis an meinem Handgelenk.
Wahrheit oder Meinungsfreiheit? Toleranz auf Kosten der Demokratie oder Intoleranz zugunsten politischer Stabilität?
Was sollte ich tun? Konnte ich überhaupt etwas tun?
Vermutlich sollte ich mich nicht so wichtig nehmen. Könnte, müsste, sollte - ja, ich könnte alles Mögliche tun. Aber warum? Es war nicht meine Aufgabe, mich da einzumischen. Kurzentschlossen machte ich die Datei versandfertig, klickte auf „Teilen“, gab die entsprechenden Daten ein und klickte auf „Senden“. Jetzt hatte die nächsthöhere Instanz das Programm, die Dinge würden ihren Lauf nehmen. Sollte sich jemand anderes auf moralischer Ebene mit der Sache auseinandersetzen. Am besten einer, der dafür bezahlt wurde. Erzwungen erleichtert lehnte ich mich zurück; das beklemmende Gefühl in der Magengegend blieb.
Hatte ich das Richtige getan?
Tronja Kiefer
hier finden sich die nächsten Termine in des Ortsvereins Gengenbach. Eine Übersicht aller Termine der umliegenden Ortsvereine findet sich unter Termine.
(Zeitung des SPD-Kreisverbands Ortenau)
Rotes aus der Ortenau
findet sich unter https://www.roter-ortenauer.de
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