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Literaturpreisträger 2020 Platz 2.

Ulrike Blatter - Nachhilfestunde

Der 2. Preis des Marta Schanzenbach Literaturpreis 2020  - Thema Ehrenamt -

Eingereicht von Ulrike Blatter, Gottmadingen. Alle Rechte am Text liegen bei Ulrike Blatter. Nutzung und Veröffentlichung nur mit ausdrücklicher Genehmigung durch Ulrike Blatter.

„Nachhilfestunde“

1976
An meiner neuen Schule konnten sie schon Französisch. Ich aber nicht. Samstags ab neun Uhr lernte ich gemeinsam mit Frau Zons. Die war zwar schon in Rente, aber sie liebte die Arbeit. Als ich Geld auf den Tisch legte, Kramte sie Gummibärchen aus ihrer Tasche. Am Ende der Nachhilfestunden waren die Gummibärchen weg. Und das Geld lag noch da.
1978
Komm doch in den Jugendtreff! Vielleicht kannst du uns helfen. Mittwochs ab fünfzehn Uhr spielten wir dort mit türkischen Kindern. Die sprachen über uns in ihrer fremden Sprache, aber Als wir ihnen Spiele vorschlugen, Hoben sie die Schultern. Gibt es das? Kinder, die nicht spielen können? Ich war ratlos.
1980
Wie schön, dass ich mitfahren durfte. Denn es war kostenlos. Samstag ab neun bis Sonntag um fünf. Wir waren zu zehnt dort. Und Imke vom Jugendtreff, die uns Mut machte. Wir kochten, wanderten und schrieben. Wir lasen uns vor und diskutierten. Gab es das? Menschen, die sich für meine Texte interessierten? Mein erstes gedrucktes Gedicht.
1981
Ayşe hatte lustige Augen. Und eine Fünf in Deutsch. Montags um fünfzehn Uhr saßen wir flüsternd am Küchentisch, Denn der Vater schlief nach der Schicht auf dem Sofa nebenan. Die älteren Brüder forderten den Tisch für ihre Hausaufgaben. Und die stille Mutter schnitt dort Gemüse oder rollte Teig. Später lernten wir auf der Bank am Spielplatz Und verloren uns.
1989
Trampen in Israel während der Intifada war Mist. Vor allem ohne Geld und im Regen. Kurz vor Mitternacht versteckten wir uns frierend in einem Rohbau. Draußen bewaffnete Patrouillen. Taschenlampengeisterfinger. Später kam ein Mann, der sich entschuldigte für die miserable Gastfreundschaft. Aber wenn man ihn erwischte, wäre er seinen Job los. Wir saßen zusammen bei heißem Tee, Fladenbrot und Geschichten. Er weckte uns früh und verschwand.
1991
Ich arbeitete Schicht und der Golfkrieg fand in den Schlagzeilen statt. Sonntags zum Frühstück das Foto eines erfrorenen Flüchtlingskindes. Wie wäre es, den Jahresurlaub zu nehmen, meinte eine Kollegin. Mit unseren Berufen könnten wir dort ... Aber der Chef sagte nein. Mahnwachen. Zeitungsartikel. Spenden. An dem Tag, als die Finanzierung für die Flüchtlingsambulanz stand Die Abmahnung. Wegen antiamerikanischer Umtriebe.
1997
Wir waren Gäste in diesem Balkan-Land. Dort lieben sie Kinder Morgens um acht zeigte uns der Nachbar, wie man illegal Strom abzapft. Und auch sonst lehrten sie mich mancherlei Überlebenstechniken Nur gegen die Kriegsangst war kein Kraut gewachsen Sie flüsterten davon und einer zeigte sein Gewehr im Schrank. Ich malte ein Bortwilderchub für meine Tochter; ein Wortbilderbuch. Die fremde Sprache fiel mir schwer.
2001
Deutschland war mir fremd geworden und meine Tochter schwieg in der Schule. Vormittags kam ihr kein Wort dieser knallharten Sprache über die Lippen Es war das Heimweh, dass mich zurücktrieb in dieses Land, wo Flüchtlinge ins Leere starrten und dauernd der Strom ausfiel. Es war Dankbarkeit für die Gastfreundschaft Und die Scham darüber, dass so etwas in solcher Nähe möglich war. Es war das Wissen, dass Kinder keine Zeit haben. Es war viel Arbeit.
2010
Ich schreibe nun viel. Projektanträge, Finanzplanung, Bettelbriefe. Nachts um zwei gelingt mir hin und wieder sogar ein Gedicht. Am nächsten Morgen kann ich jedoch meine eigene Schrift nicht entziffern. Also schreibe ich Fachartikel und bin so klug, alles sofort zu tippen. Die Computerschrift ist immer leserlich Die Kinder aus den Projekten werden groß Auch die Arbeit wächst. Mir über den Kopf.
2015
Onlinebekanntschaften können gefährlich sein. So wie dieser junge Mann, der schreibt, Abends um acht, dass er ein Schlauchboot sucht, eine Passage übers Mittelmeer. Bei mir ist er an der falschen Adresse, antworte ich und was seine Mutter dazu sagt. Er will Deutsch lernen, schreibt er und erklärt politische Verfolgung. Wir kommen ins Gespräch und hinter den Klischees Entdecke ich einen echten Menschen Er bei mir an der richtigen Adresse
2019
Gemeinsam durchforsten wir den Paragrafendschungel und erlegen reihenweise Papiertiger. An einem Donnerstag um zwei Uhr nachmittags besteigt er ein Flugzeug Und kein Schlauchboot. Im Gepäck das Visum, das ihn zum Menschen macht. Daran glaubt er fest. Die Illusion verfliegt in der Warteschlange Nachts um drei vor der Ausländerbehörde. Er lernt Behördendeutsch aber das ist nicht alles Er lernt Fußballspielen, Kochen und wie man Freunde macht.
Fazit
Meine Tochter hat einen französischen Freund. Er spricht Deutsch mit mir, denn Mein Französisch ist immer noch so schlecht wie 1978. Die Ambulanz für Flüchtlinge wurde zerbombt, aber die Freundschaft mit meiner Kollegin hielt. Die Kinder in Bosnien machen Theater. Straßentheater – und halten uns den Spiegel vor. Der Paragrafendschungelkönig will ehrenamtlich arbeiten. Ich schreibe nun Reiseberichte und manchmal sogar ein Gedicht. Die letzte anonyme Morddrohung kam vor Wochen.

 

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