
Gestern recht spät – wir hatten lange Bildungsausschuss im Landtag und danach war die SPD-Nominierungskonferenz für den Landtagswahlkreis Weinheim – war ich noch schnell einkaufen im Supermarkt um die Ecke.
Und wie ich da so am Kassenband stehe, fällt von dem Kunden vor mir dieser eine Satz, der oft Zurück-im-Job verheißt: „Sie sind doch der Herr Born!“ „Ja, eine etwas müde Version von ihm, aber das bin ich.“ „Sie sind ein guter Mann, aber das wird nix mit der SPD diesmal.“
Also gut, Müdigkeit wegpacken und nachfragen: „Warum sind Sie denn nicht zufrieden mit uns?“ Und dann haben wir uns kurz unterhalten über Hauspreise, die Schuldenbremse und marode Brücken. Ob uns der Wähler noch einmal eine Chance gibt? Ich habe mich ordentlich ins Zeug gelegt – so wie dies alle SPD-Mitglieder derzeit machen – aber ein verbindliches „Dann wähl ich doch die SPD.“ habe ich nicht gehört. Nur immerhin ein: „Ich muss noch mal in Ruhe überlegen und schreib ihnen.“
Während der Kunde vor mir bezahlte, legte ich diesen Holz-Trennstab (wie immer das heißt) hinter das Ende meines Einkaufs und dabei fiel mein Blick ungewollt, aber wohl etwas zu lang, auf die beiden Waren, die der Kunde nach mir aufs Kassenband legte: Einen Blumenstrauß und eine Packung Schoko-Pralinen, die eine rosa Extraverpackung hatte, auf der in roten Buchstaben „Liebe gewinnt“ stand.
„Valentinstag vergessen.“ Offensichtlich hatte ich echt so lange auf den Blumenstrauß und die Pralinen geschaut, dass der Mann dachte, er müsste mir den Einkauf erklären.
„Sie sind doch top pünktlich. Wichtig ist, dass Sie morgen alles haben“, meinte ich und bekam als Antwort: „Die SPD setzt diesmal wirklich auf den Schlussspurt und die letzte Minute.“ Okay, also bin ich wieder Zurück-im-Job …
Alle reden derzeit über Politik – und das waren auch zwei wirklich schöne Gespräche. Es sind eben hochpolitische Zeiten und das Land ist wortwörtlich politisiert wie schon lange nicht mehr. Wir merken das beispielsweise an massiven Neueintritten in alle Parteien – auch und gerade bei der SPD. Und an den Gesprächsthemen, an den Klickzahlen für Umfragen und an den Reaktionen per Mail und Postings.
So viel Politisierung in einer Zeit, die für uns alle eine große Herausforderung ist. Schreckliche Attentate in unserem Land, der von Putin angezettelte Krieg, der Sieg der Populisten um Donald Trump in den USA, ernste Sorgen um unsere Wirtschaft.
Vieles könnte uns derzeit aus der Fassung bringen. Aber das Land darf wortwörtlich nicht seine Fassung verlieren. Und in einer Demokratie ist das die Aufgabe an jeden und jede von uns. Jedoch fällt es nicht leicht. Und viele der Themen sind so schwer und der Wahlkampf teilweise so robust, dass man auch aufpassen muss nicht zu verhärten, wo man doch eigentlich mitfühlend sein sollte. Dass man für sich selbst immer noch weiß, wo man klare Kante zeigen muss und wo es die Bereitschaft zum Kompromiss braucht.
Es gibt Nachrichten, die machen uns Angst und auch zornig. Zur Wahrheit gehört aber auch: Es gibt Parteien außerhalb der demokratischen Mitte, die wollen uns möglichst voller Angst und Zorn. Weil das ihr Geschäftsmodell ist.
Es ist wichtig, dass wir unsere Fassung behalten: Fakten statt Lügen, Nachfragen statt Verdächtigungen, Zuhören statt Anschreien, Rechtssicherheit statt Verfassungsbruch, Solidarität statt Spaltung, Hoffnung statt Schwarzmalerei, Problemlösung statt Blockade, Argumentieren statt Populismus, Respekt statt Hetze. Das haben wir alle über Jahrzehnte eingeübt, das können wir. Es ist eine Stärke unseres Landes und von uns allen. Wenn wir uns auf diese Stärke besinnen, verlieren wir nicht die Fassung.
Und dann sind die jetzigen hochpolitischen Zeiten ein Gewinn für unsere Demokratie. Denn es ist wichtig, dass wir wertschätzend darüber streiten, wohin wir wollen, was wir erreichen können und wie wir unser Land sicher und gerecht gestalten.
Hochpolitische Zeiten und demokratisches Streiten sind anstrengend. Aber es ist die Anstrengung wert. Weil wir nur so den besten Kurs bestimmen können. Und manchmal, wenn der Streit dann doch verhakt und man nicht vorwärtskommt, dann hilft vielleicht auch die Zusicherung von der Schoko-Pralinen-Packung auf dem Kassenband: „Liebe gewinnt.“
Foto der Woche
Vielfalt und Demokratie statt Hass und Hetze – am Wochenende haben wieder Hunderttausende demonstriert. Ich auch.
