Ministerin Warminski-Leitheußer (4.v.li) mit Jusos und OV-Vorsitzendem Manfred Bleil (li) und MdL Andreas Stoch (re)
Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer in Heidenheim: Innovative Modelle und kommunale Kreativität
Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer in Heidenheim: Innovative Modelle und kommunale Kreativität
Sie will aufgeschlossene Schulen, kritische Lehrer, mutige Eltern, und sie verspricht den „Duft der Freiheit, der durch die Schule geht“: Wo immer Gabriele Warminski-Leitheußer erzählt, wie sie als Kultusministerin 60 Jahre konservative Bildungspolitik umkrempeln will, ist durchaus Aufbruchstimmung mit im Spiel.
Und eine gehörige Portion Neugier samt gespannter Erwartungshaltung. Die brachten denn auch die rund 250 Teilnehmer eines von der SPD-Landtagsfraktion im Heidenheimer Congress Centrum initiierten Bildungsforums mit. Schulleiter, Lehrer, Eltern, kommunale Entscheidungsträger und Vertreter der Schulverwaltung nutzten die ihnen am Freitagabend gebotene Gelegenheit, die neue Kultusministerin kennenzulernen, die den aus der ganzen Region kommenden Gästen die Grundlinien des von ihr verfolgten Bildungsaufbruchs erläuterte.
Diese Bildungspolitik geht nach den Worten des Heidenheimer Landtagsabgeordneten Andreas Stoch mit einem Prozess des Dialogs und der Diskussion einher. „Wir hören zu und nehmen die Beteiligten vor Ort mit“, so der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion. „Es geht darum., Barrieren aufzulösen,“ ergänzte Klaus Käppeler, Schulpolitischer Sprecher der Fraktion. „Wir wollen keine Bildungspolitik von oben“, erläuterte schließlich die auf einen neuen Kommunikationsstil und auf Toleranz setzende Ministerin, von denen sich die anwesenden Lehrer ausdrücklich zum Querdenken und Mitdenken aufgefordert sahen. „Es wird niemand mehr bestraft in diesem Bildungssystem, der eine andere Meinung hat“, versprach die Vertreterin des Kultusministeriums, das sich durch Beratung, nicht durch Missbilligung definieren will.
Und ein großes Ziel verfolgt: Baden-Württemberg wolle die bisherige soziale Benachteiligung von Kindern und Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern beenden und international auf Spitzenplätzen landen. Gute Schulen und sehr engagierte Lehrer seien das Pfund, mit dem man dabei wuchern könne, so Warminski-Leitheußer, die sich überzeugt zeigt, die Schulabbrecherquote auf null bringen zu können.
Die mit einer Abkehr vom klassischen dreigliedrigen Schulsystem verbundene rot-grüne Bildungspolitik setzt auf die Kommunen und damit auf Impulse von der Basis. Anstatt ein Raster übers Land zu legen, wolle man Angebote machen und Veränderungen ermöglichen, damit sich die Schullandschaft den Bedürfnissen vor Ort anpassen könne. Grundvoraussetzung für diesen Prozess sei eine ausreichende Unterrichtsversorgung, bei der die Ministerin noch deutliche Defizite sieht, was in der anschließenden Diskussion von Lehrerseite mehrfach bestätigt wurde. Unter gerade eklatanten Mangelerscheinungen leidet dieser Darstellung zufolge die Krankheitsreserve, die die Ministerin bis 2016 von derzeit 1,5 auf 2,5 Prozent und damit auf den Bundesdurchschnitt aufstocken will. Zudem soll die von vielen Pädagogen schlecht benotete Lehrerfortbildung verbessert werden.
Wichtiger Bestandteil des Reformpakets ist der Ausbau der Ganztagsschule. „Für die Bildungsgerechtigkeit ganz wichtig“, befand Warminski-Leitheußer, die frühere Bildungsbürgermeisterin von Mannheim, „wie brauchen da ein flächendeckendes Angebot.“ Bildungspolitisches Leitprojekt sei die Gemeinschaftsschule und damit ein neuer Schultyp, der mehr soziale Gerechtigkeit und gleichzeitig bessere Leistungen ermöglichen solle. 30 solcher Schulen sollen ab Herbst 2012 im Land starten, und auch Heidenheim rechnet sich gute Chancen aus, mit der Westschule und der Adalbert-Stifter-Realschule bei der Einführung dieser neuen Schulform dabei zu sein.
Mit einer Reform der Haupt- und Werkrealschulen will die Stuttgarter Bildungspolitikerin die Möglichkeiten bieten, auch einen Realschulabschluss anzubieten. Neue Wege skizzierte sie nicht zuletzt für die Gymnasien, wo auch ein neunjähriger Zug möglich sein soll. „Ich selbst halte das G8 für falsch“, bekannte sie in Heidenheim: „Aber es gibt G8 und es gibt Städte, die damit klar kommen.“ Eine weitere Baustelle sind die beruflichen Schulen, wo man schrittweise an das strukturelle Unterrichtsdefizit herangehen will.
Ein wesentlicher Eckpunkt der bildungspolitischen Planungen stellt die Abschaffung der verpflichtenden Grundschulempfehlung dar. Beim Heidenheimer Bildungsforum wurde dieses Thema durchaus kontrovers diskutiert. Während Gabriele Warminski-Leitheußer und Andreas Stoch glühende Verfechter einer durch intensive Beratung gestützten Elternentscheidung sind, den Stress aus der Grundschule nehmen wollen, sind manche Schulpraktiker skeptisch. Sie sehen in der neuen Freiheit eher die Gefahr, dass Kinder in die falsche Schule kommen und letztlich zu Schulabbrechern werden. Lehrer seien die besten, die den schulischen Weg beurteilen könnten, denn – so eine Stimme aus dem Publikum – „Eltern haben alle die besten Kinder“.
Bericht aus der Heidenheimer Zeitung vom 10.10.2011 von Erwin Bachmann
Homepage Andreas Stoch
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