
Karla Spagerer und ich hätten uns am 13. Februar 2022 kennenlernen sollen. Wir waren beide vom baden-württembergischen Landtag als Delegierte für die Bundesversammlung gewählt worden. Aber während Karla voller Leidenschaft, Energie und Tatkraft sowohl Delegierte als auch Presse bei der Bundespräsidentenwahl für sich gewann, saß ich mit einem positiven Corona-Test in Quarantäne.
So fand unser erstes Treffen ein paar Wochen später im Mannheimer Capitol beim SPD-Bürgerempfang statt. Und es begann sofort eine schöne Freundschaft. Eine Freundschaft, die Karla zu meinem ersten Gast in der Kurpfalz-Horizonte-Reihe machte.
Bei einer weiteren gemeinsamen Veranstaltung im Hebel-Gymnasium erzählte ich ein wenig aus meiner Jugend. Danach legte Karla ihre Hand auf meine und sagte – sie nutzte die Zeit, in der der Moderator sprach – zu mir: „Ich hab Dich von Anfang an so gern gehabt. Und jetzt weiß ich noch mehr warum.“
Das beruhte auf Gegenseitigkeit. Ich habe Karla bewundert und geschätzt, verehrt und von ihr gelernt – aber vor allem hatte ich sie einfach gern.
Heute schreibe ich diese Freitagspost und bin danach auf der Trauerfeier für Karla. Denn am 16. Mai ist Karla Spagerer im Alter von 95 Jahren gestorben.
Als eine der letzten Zeitzeuginnen der nationalsozialistischen Diktatur in der Kurpfalz hat sie es sich in den letzten Jahren immer stärker zur Aufgabe gemacht, aufzuklären und vor einem erneuten Erstarken des Rechtsextremismus zu warnen. Besonders das Gespräch mit jungen Menschen war ihr sehr wichtig. Ob in kleinen Gruppen oder vor 300 Personen: Karla Spagerer hat es immer wieder geschafft, jungen Menschen ihre Erfahrungen in der Diktatur und daraus abgeleitet den Wert unserer Demokratie zu vermitteln. Alle hörten ihr zu. Dabei war ihre Stimme nicht laut – aber ehrlich, glaubwürdig und voller Kraft.
Sie war über 70 Jahre mit Walter Spagerer, dem ehemaligen SPD-Landtagsabgeordneten und ersten Bevollmächtigter der IG Metall in Mannheim, verheiratet. Nach ihrem Mann ist die Haupttribüne des SV Waldhof Mannheim im Carl-Benz-Stadion benannt. Erst vor einigen Jahren begann sie über ihre Erlebnisse als Mitglied einer Familie, die aktiv im Widerstand gegen den Nationalsozialismus war, zu sprechen. Hierzu besuchte sie in Begleitung meines Mannheimer Landtagskollegen Stefan Fulst-Blei zahlreiche Schulklassen. Im weiteren Verlauf wurde sie zu zahlreichen Veranstaltungen angefragt, wo sie immer wieder eindrücklich ihre Erinnerungen schilderte und aktiv zur Verteidigung der Demokratie und gegen die AfD aufrief. Das Erstarken der Rechtsextremen war es letzten Endes auch, was sie bewegte, ab 2018 aktiv zu werden.
In unser rotes „Goldenes Buch“ der Kurpfalz-Horizonte schrieb Karla: „Demokratie stark machen, das war schon immer mein Ziel. Besonders jetzt in einer Zeit die ich mir so nie hatte vorstellen können. Ich habe Hoffnung, dass viele Menschen aufwachen (bevor es zu spät ist) und unsere Demokratie gemeinsam stärken.“
Danke, liebe Karla. Und danke, dass Du so gut auf unsere Demokratie aufgepasst hast.
Das müssen wir jetzt ohne Menschen wie Karla Spagerer machen. Die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen verlassen uns.
Aber der Auftrag bleibt: nie wieder!
Foto der Woche
Karlas Eintrag im Goldenen Buch der Kurpfalz-Horizonte.