
Oftersheim. Wenn Daniel Born einlädt, dann geht es selten um kleine Fragen. Auch am Montagabend im Rettungszentrum Oftersheim nicht. Unter dem Titel „Kids, Work, Life – und die Balance?“ hatte der Schwetzinger Landtagsabgeordnete, der Sprecher für frühkindliche Bildung der SPD-Landtagsfraktion ist, zum Gespräch über eines der drängendsten Themen unserer Zeit geladen: Wie schaffen wir es, Familie, Beruf und persönliche Bedürfnisse so zu verbinden, dass niemand auf der Strecke bleibt? Der hiesige SPD-Abgeordnete machte gleich zu Beginn klar: Es geht nicht nur um individuelle Herausforderungen, sondern um einen politischen Auftrag. „Auf den Anfang kommt es an!“ – mit dieser Überzeugung steht Born für einen Neuanfang in der Bildungs- und Familienpolitik. Sein Ziel: Eltern, Kinder und Kita-Personal sollen sich wieder auf den Staat verlassen können. „Eine gerechte, inklusive Gesellschaft braucht frühkindliche Bildung und verlässliche Betreuung als öffentliche Aufgabe. Wo diese Strukturen fehlen, geraten Fortschritte in der Gleichstellung ins Stocken – zulasten vor allem der Frauen“, so Born.
Dass klassische Rollenbilder auch heute noch tief in unserer Gesellschaft verankert sind, diese Feststellung zog sich wie ein roter Faden durch die Veranstaltung. Born hatte ein Podium zusammengestellt, das die unterschiedlichen Facetten dieser Herausforderung bestens beleuchten konnte: die Bundestagsabgeordnete Jasmina Hostert, stellvertretende SPD-Landesvorsitzende und Mitglied im Familienausschuss, die Vereinbarkeitsexpertin Sarah Schlösser, die Familien und Unternehmen zum Thema coacht, Corinna Schneider, die Leiterin der Kontaktstelle Frau und Beruf Mannheim Rhein-Neckar Odenwald, und Daniel Hartig, der das Thema bei der IHK Rhein-Neckar vertritt.
Sarah Schlösser, die selbst zwei Kinder hat und sich 2022 als Vereinbarkeitsmanagerin selbstständig machte, sprach aus der Perspektive vieler Eltern, die tagtäglich zwischen Kinderbetreuung und beruflichen Anforderungen jonglieren. Sie forderte, sich von dem Gedanken zu verabschieden, Familie müsse eine individuelle Höchstleistung sein. Gerade weil es traditionelle Unterstützungsnetzwerke wie Großfamilien oder Dorfgemeinschaften vielerorts nicht gebe, seien neue Strukturen nötig – ob über Frauen-Netzwerke oder kreative Initiativen wie Leih-Opas und -Omas. „Den Begriff ‚Work-Life-Balance‘ halt ich übrigens für irreführend: Das klingt, als könne man einfach alles parallel hinbekommen. In Wahrheit geht es darum, Verbindungen zu schaffen – und anzuerkennen, dass nicht immer alles gleichzeitig möglich ist. You can have it all – aber eben nicht gleichzeitig“, brachte Schlösser Problematik und Lösungsweg gleichermaßen auf den Punkt.
Wie schwer es gerade in höchsten politischen Ämtern sein kann, Familie und Beruf miteinander zu verbinden, machte Jasmina Hostert deutlich. Die Bundestagsabgeordnete, selbst Mutter, berichtete, dass es im Parlament lange kein Kinderzimmer gegeben habe – und dass Themen wie Kinderbetreuung Gefahr liefen, wieder aus dem Fokus zu geraten, je weniger Frauen im Bundestag vertreten seien. Hostert erinnerte auch daran, dass grundlegende Errungenschaften wie das Elterngeld erst seit 2007 existierten – und bis heute deutlich davon entfernt seien, echte Gleichberechtigung herzustellen. Während der Anteil von Vätern in Elternzeit seitdem zwar von 3 auf 46 Prozent angestiegen sei, zeige die nach wie vor hohe Teilzeitquote von etwa 50 Prozent bei Frauen, wie hartnäckig alte Rollenbilder weiterlebten.
Corinna Schneider brachte die Perspektive der beruflichen Wiedereinstiegs ein. Viele Frauen, gerade auch Migrantinnen, wüssten oft nicht, welche Rechte sie hätten – etwa beim Wechsel von Teilzeit in Vollzeit – oder welche Wege ihnen offen stünden. Auch steuerliche Nachteile, etwa durch die häufige Wahl der Steuerklasse V, würden strukturelle Benachteiligungen verstärken. So sei häufig nicht bekannt, dass z.B. Kurzarbeitergeld vom Nettogehalt berechnet wird. „Mehr Aufklärung ist dringend nötig“, sagte Schneider. „Fehlende Informationen sind echte, oft unsichtbare Hürden für die eigenständige Existenzsicherung von Frauen,“ so die Expertin von der Kontaktstelle Frau und Beruf.
Daniel Hartig von der IHK Rhein-Neckar zeigte auf, dass es auch für Unternehmen längst um mehr gehe als „Goodwill“: Wer heute keine familienfreundlichen Strukturen anbiete, verliere morgen im Wettbewerb um die besten Köpfe. Betriebskitas könnten ein Teil der Lösung sein, doch sie seien oft nur für große Firmen wirtschaftlich machbar. Flexibilität sei deshalb das Schlüsselwort – sowohl für Arbeitgeber als auch für Beschäftigte. „Wenn von Anfang an die richtigen Bedingungen geschaffen werden, profitieren am Ende alle – Kinder, Eltern, Arbeitgeber und die Gesellschaft insgesamt“, stellte SPD-Bildungsexperte Born klar heraus. Sozialdemokratische Bildungs- und Familienpolitik verstehe frühkindliche Bildung als zentrale gesellschaftliche Aufgabe – als Fundament für Chancengerechtigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Besonders am Herzen lag Born die Situation der Alleinerziehenden: „45 Prozent der Kinder in Grundsicherung leben in Ein-Eltern-Haushalten. Und wenn das System nicht funktioniert – etwa durch fehlende Kita-Plätze –, trifft es sie am härtesten.“
Doch Born zeichnete auch eine klare Perspektive: Wo Kinder früh gefördert werden und Eltern – gerade Alleinerziehende – auf verlässliche Betreuung bauen können, wird das Versprechen echter Chancengerechtigkeit eingelöst. „Eine starke Demokratie lebt davon, dass alle Kinder, unabhängig von Herkunft oder Lebenslage, die gleichen Startchancen haben“, betonte der SPD-Politiker. Nur mit einer mutigen, zukunftsgewandten Bildungspolitik könne Baden-Württemberg zum Land der besten frühen Bildung für alle Kinder werden. Die lebendige Debatte zeigte: Die Frage, wie Kinder, Arbeit und Leben miteinander verbunden werden, ist keine Privatangelegenheit einzelner Eltern: Es ist eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Der Oftersheimer SPD-Ortsvereinsvorsitzende Jens Rüttinger resümierte: „Mit Veranstaltungen wie dieser bringt Daniel Born das Thema konsequent dorthin, wo es hingehört: auf die politische Agenda, in die öffentliche Debatte – und mitten hinein in die Gesellschaft.“ --