
Bernd Rottenecker schreibt dankenswerter Weise oftmals Leserbriefe, die sich wohltuend vom Rest abheben, da sie sehr gut recherchiert und geschichtsbasiert sind.
Leider werden diese Briefe sehr selten veröffentlicht!!!!
Hier der Leserbrief zum Theman:
Leserbrief zum Artikel „SPD soll Raum an AfD abgeben“ in der BZ vom 27. 2. 25, Seite 9
Raumtausch als politische Gewissensfrage ?
Bernd Rottenecker
Leserbrief zum Artikel „SPD soll Raum an AfD abgeben“ in der BZ vom 27. 2. 25, Seite 9
Raumtausch als politische Gewissensfrage ?
„SPD soll Raum an AfD abgeben“ so lautet die scheinbar harmlose Überschrift eines Artikels
in der BZ von 27. 2. Doch bei der weiteren Lektüre wird die politische Dimension dieses
geplanten Vorgangs deutlich. Die im neuen Bundestag erheblich verkleinerte SPD-Fraktion
soll in einen kleineren Fraktionssaal umziehen. Im bisherigen nach Otto Wels benannten Saal
tagte die SPD seit 1999 als der Parlamentssitz nach Berlin verlegt wurde. Die SPD hat ihren
Fraktionssaal nach jenem SPD-Parlamentarier benannt, der am 23. März 1933 in einer
historischen Rede begründete, warum seine Partei (als einzige im Reichstag) gegen das
Ermächtigungsgesetz Hitlers stimmt. Dazu gehörte jede Menge Mut, denn die braunen
Horden der SA umlagerte sicht- und hörbar das Parlament.
„ Kein Ermächtigungsgesetz gibt ihnen die Macht, Ideen die ewig und unzerstörbar sind, zu
vernichten,“ äußerte Wels an den Reichskanzler Hitler gewandt. Da die ca. 80 Abgeordneten
der KPD zu diesem Zeitpunkt bereits verhaftet waren, konnte Otto Wels keineswegs sicher
sein, seinen mutigen Auftritt unversehrt zu überstehen.
Diesen Sitzungssaal beansprucht nun die AfD, die ihre Abgeordnetenzahl jetzt verdoppelt hat.
Der bisherige Fraktionssaal, den die AfD „Saal Paulskirche“ benannt hat, sei ihr zu klein
lautete die Begründung. Als ich „Saal Paulskirche“ las, konnte ich es nicht fassen: Da benennt
eine Partei, die nicht nur „Windräder der Schande“ sondern auch gleich die demokratische
und rechtsstaatliche Ordnung in Deutschland beseitigen will, ihren Fraktionssaal nach dem
Tagungsort des 1848 gewählten ersten demokratischen Parlaments in Deutschland.
Dies ist eine Verhöhnung all jener Männer und Frauen, die zu tausenden im Kampf um
Freiheit und Demokratie bei den Freiheitskämpfen ihr Leben lassen oder ins Ausland fliehen
mussten. Der Auftakt dieser Freiheitsbestrebungen begann mit der Versammlung am 12.
März 1847 im Offenburger Salmen, wo entschiedene Demokraten die „Forderungen des
Volkes von Baden“ aufstellten, gewissermaßen die Vorläufer unseres heutigen
Grundrechtskatalogs.
Zwei Jahre später, im Juli 1849 wurde die Freiheitsbewegung von Preußischen Truppen bei
der Festung Rastatt endgültig niedergeworfen.
Mit Hecker und Struve, Gustav Ree oder Karl Mathy haben Weidel und Höcke rein gar nicht
gemeinsam.
Ich kann nur hoffen, dass die Mehrheit des Ältestenrates im Bundestag, der die Raumfrage
entscheiden wird, über das erforderliche historische Bewusstsein verfügt.
https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/geschichtsgalerien/otto-wels-freiheit-und-leben-kann-man-uns-nehmen-die-ehre-nicht/