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Kurpfalz-Horizont: Sexuellen Kindesmissbrauch aufzuklären ist eine wichtige gesellschaftliche und politische Aufgabe

Veröffentlicht am 31.01.2024 in Bundespolitik

Hockenheim. Der Weg ist noch weit und es braucht mehr Menschen wie den Landtagsvizepräsidenten Daniel Born und seine beiden Gesprächspartnerinnen Johanna Beck und Prof. Dr. Julia Gebrande, die sich dafür einsetzen, das Schweigen zu brechen und ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu heben, worüber nach wie vor mancherorts lieber nicht gesprochen würde. Das hat das bewegende Gespräch, das der SPD-Landtagsabgeordnete mit seinen beiden Gästen im Rahmen der vierten Ausgabe seines Talkformates Kurpfalz-Horizonte geführt hat, deutlich gezeigt. Mit der Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat Born ein unbequemes Thema aufgegriffen, dessen Bedeutung aber weit über das Einzelschicksal hinausgeht.

„Es geht darum, vergangenes Unrecht aufdecken und das Ausmaß und die Hintergründe sexuellen Missbrauchs in Deutschland offen zu legen und klar zu benennen. Wir müssen klären, welche Strukturen sexualisierte Gewalt ermöglichen, und Verantwortung dafür übernehmen, den Kinderschutz zu verbessern. Mit diesem Kurpfalz-Horizont ging es mir um ein eindeutiges Zeichen: Die Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs ist eine wichtige gesellschaftliche und politische Aufgabe – für eine sichere, gute Zukunft unserer Kinder und eine starke Demokratie“, so Born.

Beck als Betroffene und Fachautorin und Gebrande als Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs auf Bundesebene haben an diesem Abend intensive Einblicke in den langen, beschwerlichen Prozess dieser Aufarbeitung gewährt – für den einzelnen und für die Gesellschaft insgesamt. Dass es ein Kurpfalz-Horizont werden würde, der unter die Haut geht, wurde schon bei den einleitenden, sehr persönlichen Worten von Jakob Breunig deutlich. Wie zentral es für gelingende Aufarbeitung ist, sich einzulassen, zuzuhören und Leid und Unrecht anzuerkennen, dieses Eingangsplädoyer des Ortsvereinsvorsitzenden der SPD Hockenheim wurde im Verlauf der Veranstaltung mehrfach betont.

Birgit und Tobias Haak, die in der Stadtkapelle Hockenheim musizieren, gaben der Veranstaltung auch musikalisch einen würdigen Rahmen. Ihre Musik spiegelte gleichermaßen die Schwere des Themas und die Kraft und Zuversicht wider, die das Engagement der beiden Frauen auszeichnet.

Johanna Beck setzt sich als Publizistin und Referentin dafür ein, dass Kinder nicht das erleben müssen, womit sie in ihrer Kindheit konfrontiert war: Drill und Zwang, Unsicherheit und Angst. Angst, die dem Priester der Katholischen Pfadfinderschaft Europas, der sie geistlich und sexuell missbraucht hat, seine Macht gab. Dieses Gefühl der Ohnmacht durchdrang ihre Kindertage, erzählt Johanna Beck in Hockenheim. Heute hat sie die Worte, die ihr als Mädchen fehlten, und sie sind Teil ihrer imponierenden Stärke. Sich diesen Kindheitserfahrungen zu stellen und über den Missbrauch zu sprechen, das sei für sie der zentrale Hebel, um sich als selbstwirksam zu erleben und sich zu befreien.

„Eine Geschichte, die zählt.“ So heißt das Portal, das die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs eingerichtet hat. Dass die Geschichten Betroffener öffentlich wahrgenommen werden, dafür setzt sich die Kommissionsvorsitzende Julia Gebrande, die an der Hochschule Esslingen Soziale Arbeit lehrt, unermüdlich ein. „Die Beteiligung von Betroffenen ist für die Aufarbeitung von Missbrauch besonders bedeutsam: Für die Betroffenen selbst und ihren Bewältigungsprozess und genauso, um für das Thema insgesamt zu sensibilisieren. Wir müssen alle hinschauen, aktiv werden und uns klar gegen jede Form von sexualisierter Gewalt und Diskriminierung positionieren.“

Betroffene können sich der Kommission in einem vertraulichen Gespräch oder schriftlich mitteilen. Fast 3000 Betroffene haben der Kommission mittlerweile ihre Geschichte anvertraut. Indem nicht nur eine, sondern tausende Geschichten wissenschaftlich analysiert werden, wird damit auch die strukturelle und die politische Ebene in den Blick genommen: Wie findet sexueller Kindesmissbrauch in der Regel statt? Wie gehen Täter vor? Was bedeutet das für den Schutz von Kindern und Jugendlichen? Und für diejenigen, die Übergriffe erlebt haben? „Sie brauchen vor allem einen Landeplatz“, sagt Julia Gebrande. „Einen Menschen, der ihre Signale versteht, ihnen Glauben schenkt und das Unrecht anerkennt.“

Auch für Johanna Beck war dieser „Shimmering Moment“, als sie ihre Erfahrungen zum ersten Mal einem Priester anvertraut hat, von herausragender Bedeutung, denn sie weiß: „In diesem Moment ist alles möglich: Retraumatisierung genauso wie der Beginn eines Heilungsprozesses.“ Dem Priester, in dessen Kirchengemeinde die angehende Theologin mittlerweile Kirchengemeinderätin ist, ist letzteres gelungen. Mit einem einfachen und gleichzeitig unfassbar wichtigen Satz. „Ihnen ist Unrecht geschehen.“ Diesen Satz von einem offiziellen Kirchenvertreter zu hören, war heilsam für Johanna Beck. Was diese Begegnung zur Bewältigung ihrer tiefen Krise beigetragen hat, berichtet die studierte Literaturwissenschaftlerin in ihrem Buch „Mach neu, was dich kaputtmacht“ – auch das ein Teil ihres Empowerments.

„Wir dürfen auch die Themen, die uns beschämen, nicht ausklammern. Neben den Versuchen der Aufarbeitung gab es auch immer Versuche der Deckelung und Verschleierung. Wenn Betroffene das Schweigen brechen – davon erzählen, welche Verbrechen sie erleiden mussten – haben sie es dann nicht verdient, dass wir als Gesellschaft und als Staat alles unternehmen, um Aufarbeitung zu ermöglichen? Demokratie darf sich nicht drücken – sondern muss anpacken, was in den Dialog miteinander und in staatliche Verantwortung gehört“, ist Vizepräsident Born überzeugt.

Homepage Daniel Born

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