
Rede anlässlich der Einweihung der Gedenkskulptur „Der Schrei“ zum Gedenken an das Gefangenenlager „Lindele“ in Biberach

Rede anlässlich der Einweihung der Gedenkskulptur „Der Schrei“ zum Gedenken an das Gefangenenlager „Lindele“ in Biberach
Sehr geehrter Oberbürgermeister Zeidler,
sehr geehrter Mr. Bailiff McMahon,
sehr geehrte Frau Reiser,
sehr geehrter Dr. Riedlbaur,
sehr geehrter Herr Schad,
lieber Thomas Fettback,
verehrte Gäste aus Guernsey,
sehr geehrte Damen und Herren,
es ist ja immer eine Ehre, wenn man eingeladen wird und wenn man die Gelegenheit erhält, zu einem bestimmten Anlass eigene Worte und Gedanken mit einem Publikum zu teilen. Es ist natürlich auch ehrenvoll, wenn ich das als Person, als Daniel Born tun darf. Und ich bin heute wirklich gern hier bei Ihnen in Biberach – auch weil mir Ihr Bundestagsabgeordneter Martin Gerster, der ja leider heute nicht hier sein kann, schon so viel Gutes über diesen Ort berichtet hat. Auch möchte ich Ihnen an dieser Stelle herzliche Grüße der Landtagspräsidentin Muhterem Aras übermitteln.
Das eigentlich Ehrenvolle liegt nun aber im Kontext, im Anlass des heutigen Gedenkaktes und in meiner Rolle als Vizepräsident des Landtags von Baden-Württemberg. Hier steht also ein Repräsentant der Herzkammer der baden-württembergischen Demokratie an einem Ort, der uns an dunkelste Kapitel unserer eigenen Geschichte erinnert. Die Demokratie und das Erinnern werden so in einen ganz engen und wichtigen Zusammenhang gebracht.
Gedenken und Erinnerungskultur sind in der Tat ganz wesentliche Elemente in und für unsere heutige Demokratie. Denn die Erinnerung und das Gedenken an Gräuel und Deportationen, an Unrecht und Unfreiheit, an Gewaltherrschaft und menschenverachtende Diktatur unterstreichen das Privileg, das wir heute haben: Wir dürfen seit über 70 Jahren in einem freien Land, in einer Demokratie und einem Rechtsstaat leben. Und ein Blick nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Gegenwart um uns herum macht deutlich, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Diese Freiheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit bei uns mögen nicht perfekt sein. Aber sie sind stark und sie orientieren sich an dem Grundsatz, der aus gutem Grund und zum Glück der erste Satz unseres Grundgesetzes geworden ist: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dieser Satz steht auch gut sichtbar an der Wand im Eingangsbereich des Landtags geschrieben. Und das ist ein wichtiges Symbol!
Es darf aber eben nicht bei einem symbolisch gut in Szene gesetzten Satz bleiben. Es reicht nicht – und auch das zeigt uns die Gegenwart – , diesen Satz einmal als Auftakt unseres Grundgesetzes niederzuschreiben und es reicht eben auch nicht, dass wir uns nach 1945 ein demokratisches System gegeben haben. Dass diese Demokratie weiterlebt und stark bleibt, ist viel mehr ständige Aufgabe und Herausforderung. Und dazu gehört das Erinnern, so wie es hier im ehemaligen Gefangenenlager „Lindele“ nun auch in einer wunderbaren Skulptur zum Ausdruck kommen soll.
Von Ernst Bloch stammt folgender Satz: „Nur jenes Erinnern ist fruchtbar, das zugleich erinnert, was noch zu tun ist.“ In diesem Satz kommt eine gewisse Spannung zum Ausdruck, eine Gleichzeitigkeit, vielleicht sogar eine Widersprüchlichkeit: Das Erinnern an Vergangenes steht nicht für sich allein, ist kein Selbstzweck, sondern gehört immer in den Kontext der Gegenwart und ist eng mit der Gestaltung der Zukunft verbunden. Diesen engen Zusammenhang musste auch das Nachkriegsdeutschland erst erlernen und sich über die Zeit überhaupt erst der Bedeutung von Erinnerungskultur für die Gegenwart bewusst werden. Und es muss bis heute auch immer wieder darum gehen, das Verhältnis von Bezug zur Vergangenheit und Blick auf die Zukunft sinnvoll auszutarieren.
Der heutige Tag und die Einweihung der beeindruckenden Skulptur „Der Schrei“ von Robert Schad 78 Jahre nach der Befreiung des Lagers durch französische Truppen sind ein wichtiger Beitrag zu dieser Erinnerungskultur.
Als ich mich in der Vorbereitung zu heute mit dem Lager Lindele, der Biberacher Geschichte und der Skulptur beschäftigte, bin ich in der Beschreibung Robert Schads zu seinem Kunstwerk über einen Begriff gestolpert, an dem ich mich gerieben habe, über den ich nachdenken musste. Dort ist die Rede von einer Kalligraphie des Schreckens.
Ähnlich wie die Erinnerungskultur das scheinbar widersprüchliche Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart, Schreckensherrschaft und Demokratie zueinander bringen muss, enthält auch dieser Begriff einen scheinbaren Widerspruch: Die Kalligraphie ist die Kunst des schönen Schreibens und der Schrecken ist eben der Schrecken. Beides wird hier in irritierender Weise zusammengebracht – genauso wie hier im Lindele mit dem heutigen Festakt das Erinnern an die Schrecken und Schuld der Vergangenheit mit dem Gestalten und der Verantwortung für die demokratische Gegenwart und Zukunft zusammengebracht werden. Genau darum muss es immer wieder gehen und darum geht es auch heute: Sich irritieren und aufrütteln zu lassen von der Erinnerung und genau damit das Nie Wieder! zu begründen, das ein so wichtiger Leitsatz für unsere Demokratie geworden ist.
Und es gibt einen weiteren scheinbaren Widerspruch, der am heutigen Tag eine Rolle spielt und enorm wichtig für diesen Erinnerungsort und die Biberacher Geschichte ist:
Als Gefangenenlager steht das Lindele für Feindschaft. Es erinnert an Krieg zwischen Feinden und es lässt uns derer Menschen gedenken, die hier genau an diesem Ort Unterdrückung, Gewalt und auch den Tod erfahren haben.
Und gleichzeitig erinnern wir mit dem heutigen Festakt ja nicht nur an Feindschaft und Unterdrückung, sondern können im selben Atemzug die Freundschaft zwischen Biberach und Guernsey feiern. Feindschaft und Freundschaft sind damit hier im Lager Lindele eng miteinander verbunden. Und das ist nur möglich, weil Betroffene von damals und Verantwortliche seither und bis heute bereit waren und sind, aus Feindschaft eine Geschichte der Versöhnung entstehen zu lassen.
Ich bin deshalb Ihnen, Mr. Bailiff McMahon und allen Gästen aus Guernsey von Herzen dankbar, dass Sie heute hier sind und dass Sie bereit waren, diese Geschichte der Versöhnung mit zu schreiben. Danken möchte ich auch den Verantwortlichen auf Biberacher Seite, dem Verein Städte Partner Biberach e.V., Ihnen Herrn Oberbürgermeister Zeidler, sowie dir, lieber Thomas Fettback, der du als damaliger OB 1995 durch deine erste Einladung an ehemals Internierte aus Guernsey die Hand zur Versöhnung ausgestreckt hast. Die größte Anerkennung muss aber denen gelten, die als Betroffene bereit waren zur Versöhnung. Was für ein schönes Bild, dass gerade die „Biberacher Babys“, also neues Leben, zum Ausgangspunkt für freundschaftliche Beziehungen zwischen Biberach und Guernsey wurden.
Dass aus Feindschaft Freundschaft werden konnte, ist auch ein Geschenk, eine Chance und zugleich eine Aufgabe für die Jugend. Gerade Freundschaft, die über Grenzen hinweg besteht, die Grenzen und Trennendes überwindet, bietet so viel Potential eine gute Zukunft zu gestalten. Nutzen Sie – auch und gerade wenn Sie jung sind, diese Möglichkeiten. Leben und pflegen Sie Freundschaft in Ihrem Umfeld und darüber hinaus und gestalten Sie so Ihre Zukunft.
Denn solche Freundschaften zwischen Kommunen sind enorm wichtig und ein unschätzbarer Beitrag zu Frieden und Stabilität in Europa. Es gab immer mal wieder die Forderung, dass die Freundschaften zwischen den Kommunen, die Städte- und Gemeindepartnerschaften, den Friedensnobelpreis bekommen sollten. Es ist nicht an mir, hier Vorschläge zu machen. Aber ich komme in meinem Amt viel im Land rum. Ich erlebe, wie Europa vor Ort gestaltet wird. Und ich erlebe, welche Stärke und solidarische Haltung, welche Bereitschaft Generationen zu verbinden und Lebenserfahrungen auszutauschen in diesen Partnerschaften gewachsen ist. Im doppelten Wortsinn zusammengewachsen und zusammen gewachsen ist. Ja, ich glaube, diese Partnerschaften sind eine Friedensleistung!
Und wir erleben ja gerade auf erschreckende Weise, wie wichtig es ist, sich für diesen Frieden einzusetzen, ihn nicht als selbstverständlich hinzunehmen. Es gab eine Zeit in Europa, da schien es so als sei Frieden selbstverständlich und unumkehrbar. Der russische Angriffskrieg hat uns vor Augen geführt, dass diese Annahme falsch war. Es gibt wieder einen Krieg in Europa. Völkerrecht wird gebrochen und Menschenwürde verletzt. Umso wichtiger ist, dass Europäerinnen und Europäer, dass Demokratinnen und Demokraten zusammenstehen, Seite an Seite, mit der Ukraine und für die Werte, die wir teilen. Und ich bin froh, zu wissen, dass Menschen aus Baden-Württemberg und aus Guernsey – freundschaftlich verbunden genau für diese Werte gemeinsam stehen:
Denn als Demokratinnen und Demokraten verbindet uns mehr als uns trennt. Für uns ist das Recht der Menschen auf Teilhabe, Mitsprache und Sicherheit Ausdruck ihrer universellen Würde. Wir sehen die Ungleichverteilung von Macht, Freiheit und Lebenschancen als Missstand, den wir überwinden müssen. Wir erkennen die Notwendigkeit, Konflikte gerecht und zivilisiert zu lösen.
Ich danke allen Beteiligten für diesen Festakt, ich danke Herrn Schad für seine wunderbare Kunst und ich wünsche uns allen, dass es uns auch zukünftig gelingt, die Widersprüchlichkeiten von Vergangenem und Gegenwart auszutarieren, uns von auch schwierigen Erinnerungen irritieren zu lassen und sie so im Sinne Blochs fruchtbar werden zu lassen für Versöhnung, Frieden und eine starke Demokratie.
Es gilt das gesprochene Wort.
Homepage Daniel Born MdL
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