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Elternunmut über Mängel an den Schulen ernst nehmen: Grundschulempfehlung abschaffen – G8 neu ausrichten

Veröffentlicht am 21.02.2008 in Pressemitteilungen

Dr. Frank Mentrup: „Das G8 braucht keine Schnellschüsse, sondern weniger Stofffülle und ein echtes Ganztagsschulkonzept“

Die SPD-Landtagsfraktion hat die Landesregierung aufgefordert, den immer größer werdenden Unmut von Eltern über Mängel an den Schulen endlich ernst zu nehmen und in der Bildungspolitik unverzüglich einen verlässlichen Kurs einzuschlagen. „Anstelle des derzeit herrschenden Tohuwabohus brauchen wir den echten Willen zu strukturellen Reformen und Planungssicherheit für die Schulträger“, sagte SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel auf seiner ersten Landespressekonferenz zu bildungspolitischen Themen.

Exemplarisch für die bildungspolitische Orientierungslosigkeit der Landesregierung und ihren dramatischen Vertrauensverlust bei Schulträgern, Eltern, Lehrern und Schülern stehe die Diskussion um das achtjährige Gymnasium (G8). „Zuerst kündigt Oettinger beim G8 tiefgreifende Änderungen an und brüskiert damit den eigenen Kultusminister, dann rudert er Schritt für Schritt zurück und am Ende wissen Lehrkräfte, Eltern und Schüler nicht mehr, woran sie sind“, so Schmiedel. „Mit den Chaostagen in der baden-württembergischen Bildungspolitik muss Schluss sein.“

Vor allem bei der Grundschulempfehlung beobachte die SPD entgegen allen Beschwichtigungsversuchen des Kultusministers eine große Unzufriedenheit. Wie aus der Stellungnahme der Landesregierung zu einem Parlamentsantrag der SPD hervorgeht, waren im Jahr 2007 24 Prozent der Eltern, deren Kind nach der vierten Klasse eine Empfehlung für die Hauptschule bekommen hatte, und immerhin 6 Prozent der Eltern, denen für ihr Kind die Realschule empfohlen wurde, damit nicht einverstanden und wünschten sich eine höhere weiterführende Schulart

Schmiedel: „Die SPD will den Druck von Lehrkräften, Eltern und Schülern nehmen und deshalb die Grundschulempfehlung abschaffen. Stattdessen sollen die Eltern selbst entscheiden, auf welche weiterführende Schule sie ihr Kind nach der 4. Klasse schicken.“
Es sei pädagogischer Unfug, so Schmiedel, das Leistungsvermögen eines Kindes bereits im Alter von zehn Jahren richtungweisend zu beurteilen. Das sich darauf stützende Aussortieren der Kinder auf unterschiedliche Schularten sei prinzipiell fragwürdig, erfolge aber auf alle Fälle viel zu früh.

SPD-Aktion zur Grundschulempfehlung: 100 Veranstaltungen im Land

Schmiedel kündigte an, dass die SPD in den nächsten Wochen im Rahmen einer landesweiten Aktion mit Eltern und allen Interessierten über die Zukunft der Grundschulempfehlung sowie die frühe Trennung der Kinder nach der 4. Klasse diskutieren wolle. „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, 100 Veranstaltungen in ganz Baden-Württemberg durchzuführen. Damit unterstreicht die SPD, dass sie die Sorgen der Eltern im Land ernst nimmt und ein überzeugendes Gegenkonzept zur bildungspolitischen Flickschusterei der Landesregierung anbieten kann“, sagte Schmiedel.

Die Landesregierung propagiere stets das hohe Gut des freien Elternwillens, nur bei der Grundschulempfehlung wolle sie davon nichts wissen. „CDU und FDP fürchten, dass die Hauptschule noch mehr an Boden verliert, wenn die Eltern die weiterführende Schulart für ihr Kind völlig frei wählen können“, so Schmiedel. Es sei bezeichnend, dass nur noch 8 Prozent der Eltern sich für ihr Kind den Hauptschulabschluss wünschen. Die überkommene Grundschulempfehlung in Baden-Württemberg werde als Hebel missbraucht, um in ideologischer Verblendung am dreigliedrigen Schulsystem festzuhalten. „Doch der wachsende Elternprotest wird diese von der Union krampfhaft verteidigte Bastion vollends ins Wanken bringen“, zeigte sich Schmiedel überzeugt.

Der Auslesemechanismus des dreigliedrigen Schulsystems verbaut aus Sicht der SPD zu vielen jungen Menschen berufliche Zukunftschancen. Wichtige Potenziale gingen dadurch verloren, was sich Baden-Württemberg auch aus Gründen des akuten Fachkräfte-mangels nicht länger leisten könne. „Bundesweit schaffen es 10,1 Prozent der ausländischen Schüler bis zur Hochschulreife, in Baden-Württemberg sind es lediglich 3,2 Prozent“, machte Schmiedel deutlich. Hierzu passe auch, dass von den 7.932 Abgängern, die 2006 die Schule ohne Hauptschulabschluss verließen, 31 Prozent Schüler mit ausländischer Staatsangehörigkeit waren.

Schmiedel forderte die Landesregierung auf, innovative Schulentwicklungen vor Ort nicht länger zu blockieren. In einem ersten Schritt müsse die 6-jährige Grundschule eingeführt und so längeres gemeinsames Lernen ermöglicht werden. „Das dreigliedrige Schulsystem muss in einem großen Schnitt überwunden werden. Wer glaubt, mit ein paar Modellversuchen für gemeinsamen Unterricht in Haupt- und Realschulen unser Bildungswesen fit für die Zukunft machen zu können, hat die Zeichen der Zeit immer noch nicht erkannt“, sagte Schmiedel an die Adresse von Kultusminister Rau.

SPD-Bildungssprecher Dr. Frank Mentrup: „Grundschulempfehlung nur nach Leistung? Von wegen: Die soziale Herkunft eines Kindes mischt kräftig mit“

Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Dr. Frank Mentrup, verwies die Behauptung, dass die Grundschulempfehlung ausschließlich nach Begabungs- und Leistungskriterien erfolge, ins Reich der Legenden. In Wirklichkeit mische die soziale Herkunft eines Kindes bei der Entscheidung im Hinterkopf des Lehrpersonals kräftig mit.

So hätten nach den Befunden der aktuellen IGLU-Studie Kinder aus bildungsfernen Familien 614 Leistungspunkte erreichen müssen, um von ihren Lehrkräften eine Gymnasialempfehlung zu erhalten. Bei Kindern aus bildungsnahen Familien genügte bereits ein Wert von 537 (vgl. Tabelle 2 in der Anlage). Dies habe mit Gerechtigkeit, und eben auch mit Leistungsgerechtigkeit, nichts zu tun, so Dr. Mentrup, sondern entlarve den subjektiven, schichtenabhängigen Charakter der Grundschulempfehlung.

Die SPD wolle deshalb mit ihrer Forderung, den Eltern die Wahl der weiterführenden Schulart zu überlassen, Druck von allen Beteiligten nehmen. Auch der Landeselternbeirat hat sich inzwischen gegen die verbindliche Grundschulempfehlung und für die Wahlfreiheit der Eltern ausgesprochen. Andere Bundesländer wie beispielsweise Rheinland-Pfalz machten mit der freien Elternwahl gute Erfahrungen. Dort habe es nach der Freigabe der Schulartwahl im Jahre 1991 nicht den von Kritikern befürchteten „Ansturm“ auf die Gymnasien gegeben

In der Angst der Eltern vor dem „Grundschulabitur“ sieht Dr. Mentrup auch eine Ursache für die steigende Zahl von Rückstellungen von der Einschulung. Wurden im Schuljahr 2004/05 5.630 der erstmals schulpflichtigen Kinder von der Einschulung zurückgestellt (5,7 Prozent), so waren es im Schuljahr 2006/07 bereits 9.106 Kinder (8,8 Prozent). Möglichweise sähen die Eltern für ihre Kinder größere Chancen, mit dem in der dritten Grundschulklasse einsetzenden Noten- und Leistungsdruck zurechtzukommen, wenn diese erst ein Jahr später eingeschult werden.
„Der frühe Notendruck und die Konzentration auf die Wahl der weiterführenden Schulart schaden dem Unterrichtsklima und der Lernmotivation“, so Dr. Mentrup. Die Diskussion um die Grundschulempfehlung werfe deshalb die Frage nach dem Zeitpunkt dieser Beur-teilung und nach der Trennung der Kinder auf unterschiedliche Schularten auf.

Bessere Leistungen durch individuelle Förderung und längeres gemeinsames Lernen: Die Integrierte Gesamtschule Mannheim-Herzogenried liefert den Beweis

Dass sich durch individuelle Förderung und längeres gemeinsames Lernen bessere Leistungen und Lernerfolge erzielen lassen, ist für Dr. Mentrup nicht nur pädagogisch stichhaltig begründet, sondern auch durch die Schulpraxis belegt. Hierfür liefere die Integrierte Gesamtschule Mannheim-Herzogenried (IGMH) interessante Befunde. Dort gebe es von der 5. Klasse an eine dreijährige gemeinsame Orientierungsstufe. Erst danach würden die Schülerinnen und Schüler in unterschiedliche, auf Abschlüsse bezogene Kurse aufgeteilt. Die Durchlässigkeit sei dennoch gewahrt.

Dr. Mentrup: „Von den Schülerinnen und Schüler, die in den Schuljahren von 2002/03 bis 2006/07 an dieser Gesamtschule das Abitur machten, hatten durchschnittlich 45 Prozent eine Realschulempfehlung und immerhin 10 Prozent eine Hauptschulempfehlung.“ 55 Prozent der Abiturienten an der IGMH hatten im Durchschnitt der letzten fünf Jahre also ursprünglich keine Gymnasialempfehlung.

Die schulische Wirklichkeit zeige außerdem, dass es homogene Lerngruppen gar nicht gebe, wie die Landesregierung immer wieder behaupte. Nach Ergebnissen der letzten PISA-Bundesländervergleichsstudie liegen an die 10 Prozent der besten Hauptschüler über dem Durchschnittswert der Realschulen, etwa zwei Drittel der Realschüler und ein Viertel der Hauptschüler lagen bezogen auf ihre Mathematikergebnisse im Leistungsbereich der Gymnasiasten.

„Die Landesregierung muss sich endlich von der Mär verabschieden, die frühe Aufteilung der Kinder sorge für homogene Lerngruppen und dadurch bessere Möglichkeiten, auf die unterschiedlichen Begabungen der Kinder besser eingehen zu können“, so Dr. Mentrup.

Kurskorrektur beim G8 überfällig: Nur ein echtes Ganztagsschulkonzept hilft weiter

Das achtjährige Gymnasium (G8) kann nach Ansicht von Dr. Mentrup nur dann erfolgreich umgesetzt werden, wenn die Stofffülle weiter verringert wird, die Landesregierung das G8 endlich als echte Ganztagsschule mit einem pädagogischen Konzept anerkennt und die hierfür notwendigen Ressourcen zur Verfügung stellt.

„Wir brauchen beim G8 ein echtes Ganztagsschulkonzept, in dem sich Lernen, Erholung, Vertiefungsphasen und Bewegung abwechseln. In diesem rhythmisierten Tagesablauf können Kinder besser individuell gefördert werden“, unterstrich Dr. Mentrup. Darüber hinaus hatte die SPD von Anfang an gefordert, mit der 2. Fremdsprache im G8 erst in der 6. Klasse zu beginnen. Die derzeitige Regelung erschwere die Durchlässigkeit von der Realschule auf das Gymnasium erheblich.

Dass die Landesregierung beim G8 nur an Symptomen herumdoktere, zeige die Diskussion um verkürzte Ferienzeiten und die Wiedereinführung des Samstagsunterrichts. Die von Oettinger vorgeschlagene Kürzung bei den Naturwissenschaften nannte Dr. Mentrup „blanken Unsinn“. Dies würde den Bemühungen, die Naturwissenschaften zu stärken, völlig entgegenlaufen.

Dr. Mentrup: „Alle Beteiligten hatten sich eine schnelle und substanzielle Korrektur beim G8 erhofft. Doch nun werden sie auf das Schuljahr 2009/10 vertröstet, ohne dass sich abzeichnet, mit welchen Entlastungen und zusätzlichen Ressourcen sie rechnen können.“ In diesem Zusammenhang verwies er auf einen SPD-Antrag im Rahmen des Nachtragshaushalts 2007/08, wonach 349 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen werden sollten, um die Unterrichtsversorgung zu verbessern und den Ausbau der Ganztagsschulen voranzutreiben. Dieser sei jedoch von CDU und FDP abgelehnt worden.

Den Versuch des Kultusministers, den Schulen den Schwarzen Peter für die Probleme beim G8 zuzuschieben, wertete Dr. Mentrup als Trauerspiel. „Die Lehrkräfte und Schulleitungen sollen für eine verkorkste Reform herhalten. Andersherum wird ein Schuh daraus: die Schulen müssen ausbaden, dass die Landesregierung das G8 überhastet und ohne Konzept eingeführt hat.“

Homepage Dr. Frank Mentrup MdL

Termine Gengenbach

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Der Rote Ortenauer

(Zeitung des SPD-Kreisverbands Ortenau)

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