
Unter dieser Leitfrage hatte der SPD-Landtagsabgeordnete Dr. Stefan Fulst-Blei den ehemaligen Hamburger Bildungssenator Ties Rabe nach Mannheim ins digitale TUMO-Lernzentrum eingeladen. Ties Rabe war selbst als Lehrer tätig bevor er 2011 das Hamburger Kultusministerium übernahm – er kennt den Schulbetrieb sehr gut von beiden Seiten. Nicht zuletzt auch deshalb, weil seine Frau langjährige Leiterin einer Grundschule in Schleswig-Holstein war. So hörte er abends am Küchentisch von den Problemen aus der Praxis – vielleicht einer der Gründe, warum sein Politikstil immer lösungsorientiert war, auch über Parteigrenzen hinweg. Ein wichtiger Baustein für die weitreichenden Reformen in der Hamburger Bildungspolitik war der sogenannte „Schulfrieden“, zu dem sich alle Parteien im Senat bekannten. Ein ähnliches Unterfangen scheiterte letztes Jahr in Baden-Württemberg. Wichtige Reformschritte blieben aus.
Rabe führte in seinem fundierten Vortrag aus, dass deutsche Schülerinnen und Schüler nach den letzten PISA-Studien aktuell schlechter abschneiden als damals vor 20 Jahren, als nach der allerersten Studie der große „PISA-Schock“ herrschte. Einer der Gründe dafür seien die langen Schulschließungen während Corona gewesen. Dies sei ein klarer Beleg dafür, dass das Lernen im Unterricht an der Schule besonders wichtig ist. Aus diesem Grund ist sein Ansatz bei den Hamburger Reformen gewesen, den Fokus auf die Stärkung des Kernunterrichts zu legen. Deshalb hat Rabe die Zahl der Unterrichtsstunden erhöht, den Unterrichtsausfall verringert und für alle Schülerinnen und Schüler mit Lernschwächen kostenlose Förderstunden eingeführt. Eine weitere wichtige Maßnahme war das verpflichtende tägliche Lesetraining an den Grundschulen. Rabe holte damit das Üben vom Elternhaus zurück in die Schule. Seit kurzem wird dies in den Schulen in Baden-Württemberg ebenfalls wieder gemacht.
Ein großes Rad, das Rabe darüber hinaus drehte, war die Einführung des Zwei-Säulen-Modells. Neben dem Gymnasium gibt es in Hamburg nur noch eine weitere Schulform, die Stadtteilschulen, die alle Schulabschlüsse anbieten und genauso zum Abitur führen, berichtete der Bildungsexperte. „Diesen Ansatz verfolgt auch die SPD-Landtagsfraktion in Baden-Württemberg,“ so der bildungspolitische Sprecher Fulst-Blei. „Denn durch die aktuelle Schulreform leiden nun vor allem die Werkrealschulen, die jetzt keinen Abschluss mehr außer den Hauptschulabschluss anbieten können.“
Das interessierte Publikum, darunter der ehemalige Oberbürgermeister Peter Kurz, nutzte die Chance, um dem Bildungsprofi aus dem Norden eigene Fragen zu stellen. Wie man die Qualität des Ganztagesangebots sichern kann, ob moderne Unterrichtskonzepte mit Lernbegleitern sinnvoll seien oder warum sich in der Bildungspolitik trotz wissenschaftlicher Erkenntnisse oft so wenig tut – hier zeigte sich, dass Bildung ein weites Feld und Rabe auch nach seiner Amtszeit noch ein versierter Experte ist. Bleibt zu hoffen, dass das Kultusministerium sich bei weiteren Reformen weiterhin am Aufsteiger Hamburg orientiert, wie es dies beim neuen Sprachfit-Programm bereits getan hat.
Bildunterschrift: Dr. Stefan Fulst-Blei, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, diskutiert mit Ties Rabe, dem ehemaligen Hamburger Bildungssenator im TUMO-Lernzentrum in Mannheim.
Fotoquelle: Büro Fulst-Blei