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„Der Staat braucht Christen, die dienen“

Veröffentlicht am 15.11.2010 in Presseecho

Dekan Dr. van Meegen, Pfarrer Stahl, MdL Rust und MDL Stoch im Podium (v.l.n.r. Foto: Folberth)

SPD-Abgeordneter Andreas Stoch lud zu einer Diskussion über das Verhältnis von Kirche und Staat

Zweieinhalb Stunden lang setzten sich am Mittwoch Abend Vertreter von Staat und Kirche mit der Frage auseinander: „Wie viel Kirche braucht der Staat?“. Rund 40 Zuhörer verfolgten die intensive Diskussion und beteiligten sich auch selbst an dem Austausch.

Der Heidenheimer Landtagsabgeordnete Andreas Stoch (SPD) hatte zusammen mit seinem Schulfreund Pfarrer Jürgen Horn von der Kirchengemeinde St. Maria ins katholische Gemeindezentrum eingeladen. Als Referenten waren der kirchenpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion Ingo Rust, der katholische Dekan Dr. Sven van Meegen und der Diakoniepfarrer für den evangelischen Kirchenbezirk Heidenheim, Pfarrer Norbert Stahl, eingeladen.

Ungewöhnlich genug, dass eine Partei zu einer Veranstaltung in kirchlichen Räumen einlädt, noch ungewöhnlicher, dass es nicht die Partei mit dem „C“ im Namen ist, sondern eine, die sich dem Sozialismus verpflichtet sieht. Im Laufe des Abends sollte sich zeigen, dass es nicht wenige Bereiche gibt, in denen sich sowohl die SPD als auch die Kirchen verortet fühlen – auch wenn deshalb die Positionen nicht immer deckungsgleich sein müssen.

Das Gespräch zwischen Kirche und Staat sei „bitter nötig“, sagte Andreas Stoch, er empfinde die Begegnung mit Menschen, die sich kirchlich engagieren, als äußerst wohltuend.

Drei Kurzreferate standen am Anfang des Abends. Zunächst umriss Ingo Rust das Verhältnis von Kirche und Staat im geschichtlichen Rückblick, der bei den Christenverfolgungen im Römischen Reich begann und beim Staats-Kirchen-Vertrags 2007 endete. Unbeleuchtet ließ er dabei die Zeit der Nazi-Herrschaft in Deutschland, was in der anschließenden Diskussion auch kritisch angemerkt wurde – schließlich erwiesen sich die Kirchen in dieser Zeit gerade nicht in dem Maße als Korrektiv der Gesellschaft oder „Stachel im Fleisch“ wie es aufgrund ihrer Lehre eigentlich der Fall hätte sein müssen.

Rust nahm auch Bezug auf die gesetzliche Basis des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat, erwähnte sowohl den Gottesbezug in den Verfassungen, die Religionsfreiheit wie auch den Schutz der Sonn- und Feiertage per Gesetz. Auch wies er auf die Staatsleistungen an die Kirchen hin, die als Entschädigung für die Säkularisation unter Napoleon zu Beginn des 19. Jahrhunderts bis heute bezahlt werden. Aktuell nannte er die Zahl von 35,8 Millionen Euro pro Jahr allein an die württembergische Landeskirche. Weltweit einmalig sei auch die Tatsache, dass der Staat für die Kirchen die Kirchensteuer eintreibe, wobei dieser sich diese Dienstleistung auch mit drei Prozent der Steuersumme bezahlen lasse.

Rust Fazit: „Die Trennung von Staat und Kirche ist gut. Es ist aber auch gut, dass die Kirchen sich in die Gesellschaft einbringen für diejenigen, die sich nicht selbst einbringen können.“

In Vertretung von Dekan Karl-Heinz Schlaudraff nahm Diakoniepfarrer Norbert Stahl aus Bolheim Stellung aus Sicht der evangelischen Kirche. Neun Argumente hatte er zusammengetragen, mit denen er darlegen wollte, worin der Nutzen starker Kirchen für den demokratischen Staat besteht, und warum ein starkes, in der Gesellschaft verwurzeltes Christentum für den Staat sinnvoll ist. Diese reichten von ganz pragmatischen Überlegungen, wie etwa der wichtige Beitrag der Kirchen bei der Ausgestaltung des Sozialstaates etwa durch Caritas und Diakonie bis zu Argumenten, die sich stark auf die Ethik- und Wertekompetenz der Kirche bezogen.

So führte Stahl beispielsweise an, dass die Kirchen kompetente Berater bei schwierigen Meinungsbildungsprozessen sein könnten und der Staat die Kirche auch als „Think Tank“ in großen und komplizierten ethischen Fragen benutzen könne. Die Kirche sei ein wichtiges Korrektiv für den freiheitlich-demokratischen Staat, der starke Gegenüber auf Basis der rechtsstaatlichen Ordnung wie Kirchen, Gewerkschaften und Verbände brauche.

Der katholische Dekan Sven van Meegen stellte seinen Satz des französischen Bischofs Jacques Gaillot in den Mittelpunkt seiner Ausführungen: „Eine Kirche die nicht dient, dient zu nichts“. Dieser Meinung könne er sich anschließen. Er wies aber auch auf die enorme Anziehungskraft der Kirche hin, die diese allen Grabesrufen zum Trotz habe. „Kirche ist nicht nur ein Global Prayer, sondern auch ein Global Player“, sagte er. 1,3 Millionen Menschen sind in Deutschland bei kirchlichen Einrichtungen beschäftigt, 1200 katholische und ebensoviele evangelische Privatschulen gibt es in Deutschland. Allein in Ostwürttemberg hatten kirchliche Beratungsstellen im letzten Jahr 70 000 Beratungskontakte, 4000 Menschen nahmen dauerhafte Hilfe in Anspruch. Zudem würden jedes Wochenende zehnmal mehr Menschen Gottesdienste besuchen wie Bundesliga-Stadien.

Eine wichtige Aufgabe der Kirche sah er aber auch darin, für ethische und moralische Werte einzutreten: „Wenn wir nicht korrektiv bleiben, schaffen wir uns ab“, meinte er. Sein Fazit: „Christen, die dem Nächsten dienen, kann der Staat nicht genug haben“.
Bericht von Silija Kummer aus der Heidenheimer Zeitung vom 12.11.2010

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